Wenn ein Smartphone-Verbot gar keins ist (am Beispiel Hessen)

Gastbeitrag von Hendrik Odendahl von digitaltraining.de

Hendrik Odendahl sitzt und schaut nach links

Foto: Hendrik Odendahl

Hessen hat zum Schuljahr 2025/26 Smartphone-Schutzzonen an allen Schulen eingeführt. Die private Verwendung von mobilen Endgeräten auf dem Schulgelände ist grundsätzlich unzulässig, das Mitführen ist aber gestattet. Auf den ersten Blick scheint das wie ein wichtiger Schritt in Richtung weniger Ablenkung, mehr Konzentration und geschützte Lernräume zu sein.

Schaut man genauer hin, zeigt sich, daß die Geräte weiterhin griffbereit bleiben. Sie stecken in der Hosentasche oder im Rucksack, sind in jeder Pause, auf jedem Gang, auf jeder Toilette dabei, nur eben offiziell „nicht zur privaten Nutzung bestimmt“. Aus fast 15 Jahren als Lehrer und als Digitaltrainer an einer dreistelligen Zahl von Schulen ist mir klar, solange Smartphones mitgeführt werden dürfen, sind sie im Schulalltag präsent. Nicht das Wort „Verbot“ entscheidet, sondern der reale Zustand. Entweder das Handy ist da oder es ist weg. Das vermeintliche Verbot beruhigt vor allem Lehrkräfte und Eltern. Am Alltag der Kinder ändert es so gut wie nichts.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Zählmarke

Wenn das Wort „Verbot“ nur ein Etikett ist

Auf dem Papier wirkt die hessische Regelung streng. „Die private Verwendung ist unzulässig.“ Viele Eltern lehnen sich nach dem Lesen zurück und denken: „Gut, dann ist das Thema endlich geregelt.“ An den Schulen sieht die Realität allerdings anders aus. Die Smartphones liegen in den Taschen, stecken in Jacken oder werden unauffällig in der Hand gehalten. Sie sind immer da, griffbereit in nächster Nähe.

Genau dieser Widerspruch ist das eigentliche Problem. Kinder und Jugendliche erleben, daß es eine strenge Formulierung in der Schulordnung gibt und gleichzeitig einen Alltag, in dem die Geräte trotzdem ständig um sie herum sind. Das „Verbot“ beruhigt Erwachsene, ändert aber am Verhalten der meisten Schülerinnen und Schüler wenig.

Unterrichtsalltag: Zwischen Regel und Wegsehen

An den meisten Schulen zeigt sich das gleiche Muster. Ein kleiner Teil der Lehrkräfte setzt die Handyregeln konsequent um. Ein deutlich größerer Teil läßt vieles durchgehen oder greift nur bei offener, massiver Nutzung ein. Das hat selten mit Bequemlichkeit zu tun. Wer einem Jugendlichen im Unterricht das Smartphone wegnimmt, erlebt nicht nur ein Achselzucken, sondern oft starke emotionale Reaktionen, bis hin zu lautstarkem Streit, Tränen oder Elternbeschwerden.

Lehrkräfte stehen dann vor der Wahl: „Gehe ich jetzt in eine Grundsatzdiskussion oder halte ich den Unterricht halbwegs ruhig und schaue weg, solange es nicht völlig eskaliert?“ So entsteht ein riesiger Graubereich. Die Lehrer legen die Schulordnung nach Belieben mal mehr, mal weniger streng aus. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet das, entscheidend ist nicht, was in den Regeln steht, sondern wer vorne steht.

Was wirklich in den Pausen passiert

Besonders deutlich wird die Lücke zwischen Papier und Praxis in den Pausen. Offiziell ist die private Nutzung nicht erlaubt, praktisch entstehen überall im Gebäude kleine Smartphonezonen. Auf den Toiletten drängen sich ein Dutzend oder mehr Kinder rund um ihre Bildschirme. In Ecken von Fluren, hinter Türen oder in halb versteckten Bereichen des Treppenhauses stehen weitere Gruppen, den Blick nach unten auf das Display gesenkt statt zum Gegenüber.

Trotz „Schutzzonen“ und Nutzungsverbot tauchen regelmäßig Fotos und Videos aus dem Schulgebäude und vom Pausenhof auf Instagram, Snapchat oder TikTok auf. Kinder wissen, daß sich mit dem Gerät in der Hosentasche immer ein Moment findet, in dem niemand hinschaut. Die Grenze verläuft nicht zwischen „erlaubt“ und „verboten“, sondern zwischen „ich werde erwischt“ und „es sieht ja keiner“. Genau das ist das Gegenteil dessen, was eine Schule Kindern eigentlich vermitteln sollte.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Was wir von Kindern verlangen und selbst nicht schaffen

Hinter vielen Handyregeln steckt die unausgesprochene Erwartung, daß Kinder ihr Smartphone einfach in der Tasche lassen und sich trotzdem voll auf den Unterricht konzentrieren sollen. Auf dem Papier klingt das vernünftig, aber in der Realität passt es kaum zu unserem eigenen Verhalten. Erwachsene schaffen es während der Arbeitszeit oft nicht, das eigene Handy konsequent wegzulassen. Es liegt griffbereit auf dem Schreibtisch oder in der Hosentasche, wird zwischendurch entsperrt, es werden Nachrichten gelesen oder mal eben die Social-Media-Feeds gecheckt. Jede Mutter und jeder Vater kann das leicht überprüfen. Ein Blick auf die Sendezeiten der eigenen WhatsApp-Nachrichten und Social-Media-Posts zeigt, wie oft sie mitten in der Arbeitszeit entstehen. Ich ertappe mich selbst dabei, und ich bin erwachsen.

Von Zehn- bis 18-Jährigen zu verlangen, sie sollten sich in der Schule verläßlich besser im Griff haben als ihre Eltern im Büro, ist deshalb völlig unrealistisch. Wenn Erwachsene es während der Arbeitszeit kaum schaffen, das Smartphone konsequent zu ignorieren, ist es nicht fair, von Kindern und Jugendlichen mehr Selbstregulation zu erwarten. Gerade ihr Alltag ist besonders von Klassenchats, Likes und Gruppendruck geprägt.

Warum schon die bloße Präsenz stört

Das Problem beginnt nicht erst, wenn das Handy in der Hand ist, sondern schon mit der bloßen Präsenz. Untersuchungen zur „Brain-Drain“-Wirkung von Smartphones zeigen, daß allein die Anwesenheit des eigenen Geräts in Reichweite die geistige Leistungsfähigkeit meßbar reduziert, selbst dann, wenn es ausgeschaltet ist und nicht genutzt wird. Das Gehirn bleibt innerlich mit dem Gerät beschäftigt. „Ist etwas passiert?“, „Hat jemand meinen Post geliked?“, „Wie viele neue Nachrichten warten auf mich?“

Kinder und Jugendliche folgen nicht konzentriert dem Lehrervortrag oder bearbeiten ihre Aufgaben, sie denke an auch an ihr Handy und müssen parallel ständig den Impuls unterdrücken, danach zu greifen. Diese Dauer-Selbstkontrolle kostet Energie. Sie macht müde, unruhig und unkonzentriert. Ein Smartphone in der Tasche ist deshalb kein neutraler Gegenstand, sondern ein permanenter Störsender im Kopf.

Pausen als digitaler Sprint statt Erholung

Und in den Pausen wird’s dann richtig offensichtlich. Wenn Kinder wissen, dass sie in wenigen Minuten endlich wieder ans Handy dürfen, wandert der innere Fokus schon vor dem Klingeln weg vom Unterricht. Die Gedanken kreisen darum, was inzwischen im Klassenchat passiert ist oder welche neuen Posts es auf den Lieblingsplattformen gibt.

In der Pause selbst beginnt dann ein digitaler Sprint, schnell Chats nachlesen, posten, liken, kommentieren, vielleicht noch ein kurzes Video schauen oder ein Spiel starten. In vielen WhatsApp-Gruppen läßt sich gut beobachten, wie viele Nachrichten genau in solchen Zeitfenstern eintrudeln. Für das Gehirn ist das keine Erholung, sondern ein weiterer Reizsturm. Kinder kommen danach nicht ruhiger in den Unterricht zurück, sondern hochgejazzt und innerlich überlastet.

„Verbote bringen doch nichts“, ein gefährlicher Trugschluß

In Diskussionen taucht ein Argument immer wieder auf. „Ein Verbot bringt doch nichts, die Kinder umgehen es sowieso.“ Das klingt pragmatisch und wirkt auf den ersten Blick vielleicht nachvollziehbar, ist aber logisch schwach. Im Straßenverkehr würde niemand ernsthaft fordern, das Alkoholverbot für Fahrer abzuschaffen, nur weil manche trotzdem betrunken Auto fahren. Wir halten an der Regel fest, weil sie die Mehrheit schützt, einen klaren Standard setzt und Verstöße überhaupt erst justiziabel macht.

Es ist wie mit Rauchverboten auf dem Schulgelände oder bei Sicherheitsregeln im Chemieraum. Daß einzelne sich nicht daran halten, spricht nicht gegen die Regel, sondern dafür, sie ernst zu nehmen. Nur beim Smartphone scheint oft ein anderer Maßstab zu gelten. Weil manche Kinder Verbote umgehen, sollen wir besser gar keine klare Grenze ziehen. Diese Haltung schadet vor allem denjenigen, die auf einen wirklich geschützten Lernraum angewiesen sind.

Der entscheidende Unterschied: Etikett oder Zustand?

An diesem Punkt wird das entscheidende Problem klar. Nicht auf das Wort „Verbot“ kommt es an, sondern auf den realen Zustand im Schulalltag. Entweder das Handy ist da oder es ist weg. Eine Regelung, die „Schutzzonen“ und „Unzulässigkeit der privaten Nutzung“ formuliert, gleichzeitig aber alle Kinder ihre Geräte am Körper tragen läßt, löst das Grundproblem nicht. Sie verschiebt es nur in Grauzonen und unbeobachtete Ecken.

Solange die Smartphones in Hosentaschen und Rucksäcken sind, bleibt der Konflikt in jedem Klassenzimmer präsent, egal, was im Gesetz oder der Schulordnung steht. Schulen, Eltern und Politik sollten den Mut haben, diese Diskrepanz ehrlich zu benennen, statt sich mit beruhigenden Schlagzeilen zufriedenzugeben.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Wie eine ehrliche Lösung aussehen kann

Die konsequenteste Lösung wäre, wenn Smartphones während der Schulzeit gar nicht erst mitgebracht würden. Angesichts von ÖPNV-Tickets auf dem Handy, familiären Vereinbarungen und gesellschaftlichen Gewohnheiten scheint das aktuell aber unrealistisch. Immer mehr Schulen gehen deshalb den Weg, daß die Geräte morgens abgegeben und zentral verwahrt werden, z.B. in Handygaragen oder Schließflächern.

Während des Unterrichts und der Pausen sind Smartphones dadurch physisch nicht am Körper der Kinder. Schulen, an denen alle Geräte morgens eingesammelt und sicher verwahrt werden, berichten mir von einem ruhigeren Schulalltag und Schülerinnen und Schülern, die im Unterricht deutlich konzentrierter und insgesamt ausgeglichener sind.

Lehrkräfte müssen nicht permanent „Handypolizei“ spielen, sondern können sich wieder auf ihren Auftrag konzentrieren, nämlich Kinder zu unterrichten.

Ehrlichkeit gegenüber Kindern und uns selbst

Am Ende geht es nicht um Technikfeindlichkeit. Kinder wachsen in einer digitalen Welt auf, und sie müssen lernen, mit dieser Welt umzugehen. Aber Lernen braucht Räume, in denen das Gehirn nicht ununterbrochen gegen einen Bildschirm ankämpfen muss. Ein „Verbot“, das keins ist, weil dabei die Smartphones weiterhin am Körper getragen werden, ist dafür zu wenig.

Ehrlich wäre zuzugeben, daß Halbverbote nicht funktionieren, und Regeln zu schaffen, die dem entsprechen, was wir aus Alltag und Forschung längst wissen. Wenn Schule ein Ort sein soll, an dem Kinder wirklich zur Ruhe kommen, sich konzentrieren und soziale Beziehungen im echten Leben üben können, reicht es nicht, Formulierungen zu ändern. Dann müssen die Handys wirklich aus den Köpfen raus, und dafür zuerst aus den Hosentaschen und Rucksäcken.

Tja.

Und gerade, während ich diese Zeilen zu Ende schreibe, kommt meine 15-jährige Tochter nach Hause. Sie fragt, woran ich arbeite. Als ich ihr vom Text erzähle, lacht sie kurz auf und sagt: „Weißt du eigentlich, warum ich neuerdings so oft während des Unterrichts auf die Toilette gehe? Weil an unserem Gymnasium in der Pause jede Kabine von bis zu sechs Schülern gleichzeitig besetzt ist, alle mit Smartphone. Sechs! Auf engstem Raum!“

Genau das meinte ich.

 



Quellen

 

 

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Alena Mess - Expertin für Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern & Jugendlichen