Wenn KI-Ratgeber-Videos unseren Söhnen Frauenhass als Lebenshilfe verkaufen

KI

„Sag einer Frau nie die Wahrheit.“

„Vertraue niemals einer Frau.“

„Ein richtiger Mann zeigt keine Gefühle.“

„Allein zu sein und keine Freunde zu haben, ist eine Stärke.“

Wollt ihr, dass eure Jungen solche Sätze schon in der Grundschule lernen? Willkommen bei Social Media und digitalem Frauenhass.

Diese Aussagen stammen nicht aus einem versteckten extremistischen Forum. Sie werden Jungen auf TikTok, YouTube, Instagram und Snapchat zwischen Fußballvideos, Gaming-Clips, Memes und Fitnesstipps präsentiert. Ruhige Klaviermusik, Schwarz-Weiß-Bilder und ein älterer Mann mit tiefer Stimme lassen sie wie kluge Lebensweisheiten wirken. Häufig existiert dieser Mann nicht einmal. Sein Gesicht, seine Stimme und seine angeblichen Erfahrungen wurden vollständig mit künstlicher Intelligenz erzeugt.

Die Videos versprechen Orientierung, Selbstbewusstsein und Stärke. Tatsächlich vermitteln sie Jungen ein Weltbild, in dem Frauen grundsätzlich manipulativ und nicht vertrauenswürdig seien, Gefühle als Schwäche gelten und Beziehungen zu Machtkämpfen werden.

Wer glaubt, dass Grundschulkinder damit noch nichts zu tun haben, sollte sich mit Zehn- und Elfjährigen über ihre Feeds unterhalten. Begriffe wie „Alpha Male“, „Sigma“, „Jawline“, „Looksmaxxing“ oder „High Value Man“ gehören längst zu ihrer Sprache. Die dazugehörigen Vorstellungen über Männlichkeit, Frauen und Beziehungen verbreiten sich ebenso schnell.

Ein Junge sitzt abends auf einem Sofa und betrachtet auf seinem Smartphone das Video eines älteren männlichen Ratgebers.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die neuen Ratgeber für Jungen sind künstlich erzeugt

Der Medienpädagoge David Murdoch bezeichnet diese Figuren als „KI-Mentoren“ und „KI-Philosophen“.

Für ein Experiment richtete er ein TikTok-Testkonto ein, auf dem er als 13-jähriger Junge unterwegs war. Dort wurden ihm genau solche Videos empfohlen.

Die Beiträge sehen häufig aus wie Ausschnitte aus hochwertigen Podcasts. Ein Beispiel für diese Art von Inhalten ist der TikTok-Account @thinhtiktokshopus.

In vielen Videos spricht eine einzelne Person direkt in die Kamera oder in ein Mikrofon. Ein älterer Mann scheint aus einem langen Leben zu berichten, ein angeblicher Psychologe erklärt Beziehungen oder eine Frau erzählt ruhig von einem Konflikt mit ihrem Partner. Werden mehrere Personen gezeigt, stammen die Aufnahmen teilweise aus unterschiedlichen Podcasts oder Videos. Sie haben nie miteinander gesprochen, wirken durch die Auswahl und Abfolge aber wie Teile derselben Geschichte.

Die Bilder vermitteln Erfahrung, Erfolg und Autorität. Tatsächlich können die gezeigten Personen, ihre Stimmen und die angeblichen Zitate innerhalb weniger Minuten mit künstlicher Intelligenz produziert worden sein. Andere Accounts verbinden echte Videoausschnitte mit erfundenen Texten oder stellen Aussagen in einen neuen Zusammenhang.

Dabei geht es längst nicht immer um offen frauenfeindliche Parolen. Die Videos greifen Gedanken aus Psychologie, Stoizismus, moderner Beziehungsberatung oder Nietzsche-Zitate auf. Vieles klingt zunächst nachvollziehbar, manchmal sogar hilfreich. Gerade diese Mischung macht die Inhalte so glaubwürdig. Eine zutreffende Beobachtung schafft zunächst Vertrauen, bevor daraus eine problematische Schlussfolgerung über Frauen, Männer oder Beziehungen abgeleitet wird.

Die gefährliche Botschaft steckt oft in einem Nebensatz

Wie subtil diese Inhalte funktionieren, zeigt ein Video, auf das David Murdoch auf LinkedIn aufmerksam gemacht hat. In dem künstlich zusammengesetzten Video erzählt eine Frau, ihr Partner habe heimlich ihr Smartphone durchsucht. Die Geschichte wird ruhig erzählt und wirkt zunächst wie ein reflektierter Beitrag über Eifersucht und Vertrauen.

Dann fällt der Satz: „Und nein, er hat nichts gefunden.“ Genau darin liegt die problematische Verschiebung. Die Tatsache, dass die Frau unschuldig ist, wird zum Grund dafür, dass die Kontrolle unnötig war. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, ein Fund hätte die heimliche Durchsuchung im Nachhinein möglicherweise gerechtfertigt. Das Video stellt nicht die Verletzung ihrer Privatsphäre in den Mittelpunkt, sondern die Frage, ob sein Misstrauen berechtigt war. Das Beispielvideo ist hier zu sehen:

Obwohl der Mann falsch gehandelt hat, entschuldigt sich die Frau anschließend bei ihm. In den Kommentaren wird sie dafür gefeiert. Männer schreiben sinngemäß, eine so verständnisvolle Frau wünschten sie sich ebenfalls als Freundin. Andere Nutzer weisen zwar darauf hin, dass die gezeigte Frau künstlich erzeugt wurde, halten die Botschaft aber trotzdem für richtig.

Das Video enthält keine Beschimpfung und keinen offenen Aufruf zur Kontrolle. Trotzdem vermittelt es ein Beziehungsbild, in dem Eifersucht heimliche Überwachung verständlich macht und die betroffene Frau dafür verantwortlich wird, die Situation zu beruhigen. Genau solche kleinen Verschiebungen sind schwerer zu erkennen als eine klare frauenfeindliche Aussage. Sie erscheinen als psychologischer Rat, philosophische Lebensregel oder verständnisvolle Beziehungsgeschichte und werden gerade deshalb leicht übernommen.


Warum diese Videos auf Kinder überzeugend wirken

Die Clips sehen nicht nach Hass aus. Sie enthalten häufig keine Schimpfwörter und keine offenen Gewaltaufrufe. Die Stimme bleibt ruhig, die Musik wirkt nachdenklich und die Bilder erinnern an Motivationsvideos. Gerade deshalb sind sie so wirkungsvoll.

Jungen beschäftigen sich schon früh mit der Frage, wie sie aussehen sollten, wie sie Anerkennung bekommen und was andere von ihnen erwarten. Spätestens mit den ersten Schwärmereien und Zurückweisungen kommen neue Unsicherheiten hinzu. Was macht mich attraktiv? Wie darf ich Gefühle zeigen? Wie verhalte ich mich gegenüber Mädchen? Warum interessieren sich andere nicht für mich? Was bedeutet es, männlich zu sein?

Die KI-Ratgeber liefern eindeutige Antworten. Sie sagen nicht, dass Beziehungen kompliziert sind oder Menschen unterschiedlich handeln. Sie sprechen in absoluten Regeln. Frauen seien eben so. Männer müssten sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Wer Gefühle zeige, verliere Respekt. Wer allein sei, brauche niemanden. Wer zurückgewiesen werde, müsse härter werden.

Für Kinder und Jugendliche kann diese Sicherheit überzeugend wirken. Die Person im Video spricht selbstbewusst und wird durch Tausende zustimmende Kommentare scheinbar bestätigt. Ein professionelles Bild ersetzt den Beleg. Eine tiefe Stimme ersetzt die Qualifikation. Reichweite ersetzt Glaubwürdigkeit.

Die qualitative Untersuchung Children’s Media Lives 2026 von Ofcom zeigt, wie selbstverständlich KI inzwischen zur Medienwelt von Kindern gehört. Alle 17 teilnehmenden Kinder waren KI-generierten Inhalten begegnet oder nutzten selbst KI-Werkzeuge. Gleichzeitig blieb ihr Verständnis der Technik begrenzt. Einige vertrauten KI-Antworten weitgehend und orientierten sich beim Erkennen künstlich erzeugter Inhalte vor allem an auffälligen Bildfehlern oder Kennzeichnungen.

Selbst wenn ein Kind erkennt, dass ein Gesicht künstlich erzeugt wurde, hat es die Aussage damit noch nicht eingeordnet. Die entscheidende Frage lautet nicht allein, ob die Person im Video echt ist. Entscheidend ist, ob die Botschaft wahr, fair und verantwortungsvoll ist und welche Vorstellung von Beziehungen nebenbei als normal vermittelt wird.


Aus einem Video wird schnell ein geschlossenes Weltbild

Ein einzelnes Video wird die Haltung eines Kindes kaum grundlegend verändern. Das Problem entsteht durch die Wiederholung. Wer einen Clip länger ansieht, die Kommentare öffnet, das Profil besucht oder ähnliche Beiträge likt, beeinflusst damit die weiteren Empfehlungen. TikTok erklärt selbst, dass Interaktionen wie Wiedergabedauer, Likes, Kommentare und geteilte Inhalte eine wichtige Rolle für den personalisierten Feed spielen.

Nach dem ersten Video folgt deshalb häufig ein zweites. Danach erscheint ein Clip über die angebliche Untreue von Frauen, ein Video über körperliche Stärke und anschließend ein Beitrag darüber, warum Männer niemandem vertrauen sollten. Die Formulierungen unterscheiden sich, doch das zugrunde liegende Weltbild bleibt gleich.

Forschende des University College London erstellten TikTok-Testkonten, die jugendliche Jungen mit Interessen an Einsamkeit oder Selbstoptimierung abbildeten. Innerhalb von fünf Tagen stieg der Anteil frauenfeindlicher Inhalte im empfohlenen Feed von 13 auf 56 Prozent. Aus Videos über Motivation und persönliche Entwicklung wurden zunehmend Beiträge, in denen Frauen abgewertet, objektifiziert oder für die Probleme von Männern verantwortlich gemacht wurden.

Eine Untersuchung der Dublin City University kam zu ähnlichen Ergebnissen. Die Forschenden nutzten Testkonten, die 16- und 18-jährige Jungen darstellen sollten. Einige suchten gezielt nach Inhalten aus der sogenannten Manosphere, andere interessierten sich lediglich für Fitness, Sport oder Videospiele. Alle männlich angelegten Konten erhielten bereits innerhalb der ersten 23 Minuten antifeministische, männlichkeitsideologische oder andere extremistische Inhalte. Nach 400 angesehenen Clips bestanden bei TikTok 76 Prozent der Empfehlungen aus Inhalten, die von den Forschenden als toxisch eingeordnet wurden.

Der Weg in diese Inhalte beginnt also häufig nicht mit Frauenhass. Er kann bei Einsamkeit, Motivation, Fitness oder dem Wunsch nach Selbstverbesserung anfangen. Begriffe wie „Jawline“, „Alpha Male“ oder „High Value Man“ verbinden Körper, Erfolg und Beziehungen mit einem starren Männerbild. Unter dem Begriff Looksmaxxing wird der eigene Körper zum dauerhaften Optimierungsprojekt. Der Feed verspricht Anerkennung und führt Jungen teilweise weiter zu der Behauptung, Frauen beurteilten Männer ausschließlich nach Aussehen, Status und Geld.

Looksmaxxing ist ein eigenes Thema, das wir im Artikel „Looksmaxxing: Warum Jungen sich mit Hämmern ins Gesicht schlagen“ ausführlich behandeln. Für diesen Artikel ist vor allem der Übergang wichtig. Aus vermeintlich harmloser Selbstoptimierung kann ein Feed entstehen, in dem Frauenfeindlichkeit, emotionale Isolation und starre Vorstellungen von Männlichkeit immer wieder als vernünftige Lebenshilfe erscheinen.


Die Inhalte verlassen den Bildschirm

Was Kinder in ihren Feeds sehen, bleibt nicht dort. In Workshops sehen wir immer wieder, wie selbstverständlich schon Zehn- und Elfjährige über Begriffe aus diesen Onlinewelten sprechen. Jungen sprechen über ihre „Jawline“, über „Alpha Males“, angeblich weibliches Verhalten und darüber, wie Männer mit Mädchen umgehen müssten.

Sie haben diese Vorstellungen nicht in einem langen politischen Vortrag gelernt. Sie begegnen ihnen in kurzen, unterhaltsamen Videos, die zwischen völlig unauffälligen Inhalten erscheinen.

Nach und nach werden daraus Redewendungen, Witze und Regeln. Ein Junge erklärt einem anderen, dass Männer Gefühle niemals zeigen dürften. Ein Mädchen wird als manipulativ bezeichnet, weil sie eine Nachricht nicht beantwortet hat. Freundschaften gelten plötzlich als unnötig, weil ein starker Mann angeblich niemanden brauche.

Mehrere Jungen stehen auf einem Schulhof zusammen und unterhalten sich über Inhalte aus sozialen Medien.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die Wirkung betrifft dabei nicht allein Mädchen und Frauen, die mit Abwertung und Misstrauen konfrontiert werden. Auch Jungen werden in ein starres und belastendes Rollenbild gedrängt.

Wer ständig hört, dass ein Mann keine Angst, Trauer oder Unsicherheit zeigen dürfe, lernt nicht, mit seinen Gefühlen umzugehen. Er lernt, sie zu verstecken. Wer Hilfe als Schwäche betrachtet, wird sich bei psychischen Problemen seltener jemandem anvertrauen. Wer Nähe mit Abhängigkeit verwechselt, kann Freundschaften und Beziehungen schwerer zulassen.

Die Studie der Dublin City University fand häufig Inhalte, die psychische Belastungen mit mangelnder Disziplin erklärten. Depressionen wurden teilweise als Schwäche dargestellt, während Therapie und Unterstützung abgewertet wurden. Gleichzeitig versprachen die Videos Anerkennung durch einen trainierten Körper, finanziellen Erfolg, emotionale Härte und Kontrolle über Frauen. Das ist keine harmlose Motivation. Es ist ein Geschäftsmodell, das männliche Unsicherheiten erkennt, verstärkt und anschließend einfache Antworten verkauft.


KI macht die Produktion nahezu unbegrenzt

Frauenfeindliche Influencer und die Manosphere gab es bereits vor dem aktuellen KI-Boom. Künstliche Intelligenz verändert jedoch die Menge, Geschwindigkeit und Austauschbarkeit der Inhalte. Für einen solchen Kanal werden kein echtes Studio, kein Moderator und keine Redaktion mehr benötigt. Ein Textgenerator erstellt die Aussage, ein Bildmodell erzeugt den angeblichen Experten, eine synthetische Stimme spricht den Text ein und eine Software ergänzt Musik, Untertitel und Schnitte.

Ein Junge steht in seinem Zimmer vor dem Spiegel, spannt die Arme an und versucht selbstbewusst zu wirken, während auf einem Smartphone daneben ein älterer männlicher Influencer in Podcast-Optik zu sehen ist.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Funktioniert ein Video gut, kann es sofort in zahlreichen Varianten neu produziert werden. Ein anderes Gesicht, eine andere Stimme, ein neuer Hintergrund und ein leicht veränderter Satz reichen aus. Dieselbe Botschaft erscheint immer wieder, ohne dass ein Mensch vor die Kamera treten und dafür Verantwortung übernehmen muss.

An älteren Beiträgen mancher Accounts lässt sich erkennen, dass sie zuvor völlig anderen Trends gefolgt sind. Heute veröffentlichen sie Lebensweisheiten über Beziehungen, gestern waren es Tierbilder, Motivationssprüche oder Produktempfehlungen. Entscheidend ist nicht die Haltung, sondern die Reichweite. Die künstliche Figur muss keine Quellen nennen und kann nicht mit den Folgen ihrer Aussagen konfrontiert werden. Trotzdem spricht sie im Feed eines Kindes mit der Autorität eines erfahrenen Mentors.


Was Eltern jetzt konkret tun können

Der erste Schritt besteht darin, zuzuhören. Wenn ein Kind Begriffe wie „Alpha Male“, „Sigma“, „Red Pill“, „Looksmaxxing“, „High Value Man“ oder „Jawline Training“ benutzt, sollten Eltern nicht sofort mit einer Standpauke reagieren. Sie können zunächst fragen, was der Begriff bedeutet, wo das Kind ihn gehört hat und welche Accounts es dazu sieht.

Ein gemeinsames Video bietet häufig einen guten Einstieg. Eltern können fragen, ob die gezeigte Person wirklich existiert, welche Belege sie nennt und warum sie so sicher über alle Männer oder alle Frauen spricht. Bei subtilen Geschichten helfen weitere Fragen. Welches Verhalten wird entschuldigt? Wer muss sich rechtfertigen? Welche Information fehlt? Würde die Geschichte genauso erzählt, wenn die Rollen vertauscht wären? Und wer profitiert davon, wenn Jungen wütend, verunsichert oder mit ihrem Körper unzufrieden werden?

Ein Junge liegt abends im dunklen Schlafzimmer und schaut konzentriert auf ein Smartphone mit einem KI-generierten Ratgebervideo.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Auf TikTok können entsprechende Videos als „nicht interessiert“ markiert werden. Nutzer können Schlüsselwörter filtern, Themen anpassen und den personalisierten „Für dich“-Feed zurücksetzen. Eltern können außerdem den begleiteten Modus nutzen, Konten blockieren und problematische Beiträge melden. Die Plattform beschreibt diese Möglichkeiten in ihrem Hilfebereich. Wenn sich der Feed eines Kindes bereits stark verändert hat, reicht es allerdings meist nicht, nur einen einzelnen Account zu blockieren. Die wiederkehrenden Begriffe, Influencer, Hashtags und Themen sollten gemeinsam betrachtet werden.

Wichtig ist außerdem, Jungen andere Vorbilder anzubieten. Männer, die Verantwortung übernehmen, Freundschaften pflegen, respektvoll mit Frauen umgehen und offen über Unsicherheiten sprechen, widersprechen dem starren Bild der KI-Mentoren durch ihr tatsächliches Verhalten.


Aufklärung und Schutz müssen parallel stattfinden

Natürlich müssen Eltern mit ihren Kindern über solche Inhalte sprechen. Wir sollten gemeinsam Videos ansehen, Aussagen hinterfragen und erklären, wie künstliche Autorität und subtile Botschaften erzeugt werden. Trotzdem dürfen wir die Verantwortung nicht erneut vollständig bei den Familien abladen. Kein Elternteil kann täglich nachvollziehen, welche Hunderte von Videos ein Kind sieht. Kein Gespräch am Abend kann zuverlässig ausgleichen, was ein Empfehlungssystem über Stunden und Wochen in immer neuen Varianten wiederholt.

Die Europäische Kommission fordert in ihren Leitlinien zum Schutz Minderjähriger, dass Plattformen ihre Empfehlungssysteme so verändern, dass Kinder seltener auf schädliche Inhalte stoßen oder in immer enger werdenden thematischen Schleifen landen. Minderjährige sollen außerdem mehr Kontrolle über ihren Feed erhalten. Solche Vorgaben sind dringend notwendig. Ein Schutzsystem darf nicht erst reagieren, nachdem ein Kind Dutzende frauenfeindliche Videos gesehen hat und sein Feed bereits vollständig von diesen Inhalten geprägt wird.

TikTok, YouTube und andere Plattformen kennen die Wirkung ihrer Empfehlungssysteme. Es reicht nicht, Eltern auf Einstellungen und Meldefunktionen hinzuweisen. Plattformen müssen verhindern, dass sich problematische Empfehlungen rund um Frauenverachtung, emotionale Isolation und starre Männlichkeitsbilder immer weiter verdichten. Auch die massenhafte Produktion austauschbarer KI-Inhalte muss stärker begrenzt werden. Kennzeichnungen sind sinnvoll, ersetzen aber weder funktionierende Moderation noch wirksamen Jugendschutz.

Wir müssen mit Jungen darüber sprechen, was Stärke wirklich bedeutet. Gefühle benennen zu können, Hilfe anzunehmen, Freundschaften zu pflegen und anderen Menschen respektvoll zu begegnen, sind keine Schwächen. Gleichzeitig brauchen Kinder digitale Räume, in denen ihre Unsicherheiten nicht systematisch erkannt, verstärkt und anschließend monetarisiert werden. Wenn ein Empfehlungssystem Jungen Frauenhass als Lebenshilfe verkauft, liegt das Problem nicht allein in fehlender Medienkompetenz. Dann versagen die Schutzmechanismen, mit denen Plattformen minderjährige Nutzer eigentlich vor solchen Empfehlungsschleifen schützen müssten.


Quellen

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