Handynutzung bei Erwachsenen: Rund jeder dritte Befragte zeigt problematische Smartphone-Nutzung
Wir haben bei Medienzeit zur Teilnahme an der KiQuNu-Studie aufgerufen. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor. Sie zeigen auffällige Nutzungsmuster bei vielen Erwachsenen und geben Anlass, auch auf unsere eigenen Gewohnheiten zu schauen.
Im Mai haben wir euch die KiQuNu-Studie vorgestellt und auf die Möglichkeit zur Teilnahme hingewiesen. Uns hat dabei besonders interessiert, was passiert, wenn wir den Blick auf uns Erwachsene richten. Wie oft greifen wir selbst zum Smartphone? Wie gut können wir es weglegen? Und was lässt sich aus unseren Nutzungsdaten überhaupt ableiten?
Jetzt ist der erste Studienbericht da. Danke an alle, die unserem Aufruf gefolgt sind und die Forschung unterstützt haben.
Bild generiert mit Hilfe von KI
Rund ein Drittel erreicht einen auffälligen Fragebogenwert
Für die Auswertung wurden die Daten von 1.285 Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren berücksichtigt. Die Erhebung fand im Mai und Juni 2026 statt. Das Forschungsprojekt wurde von detoxi Health und dem Informatikinstitut OFFIS gemeinsam durchgeführt und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert.
Die zentrale Zahl lautet: 31 Prozent erreichen in der gewichteten Auswertung den Schwellenwert für problematische Smartphone-Nutzung.
Was heißt das? Die Forschenden haben eine auf Smartphones angepasste Version der „Compulsive Internet Use Scale“, kurz CIUS, eingesetzt. Der Fragebogen liefert einen Wert zwischen 0 und 56 Punkten. Ab 28 Punkten ordnet der Bericht das Nutzungsverhalten als auffällig ein.
Damit ist keine Suchterkrankung diagnostiziert. Die Schlagzeile „Jeder dritte Erwachsene ist handysüchtig“ würde mehr behaupten, als diese Untersuchung belegt.
31 Prozent erreichen den festgelegten Schwellenwert. Das ist ein Hinweis aus einem Fragebogen, keine klinische Suchtdiagnose. Originalgrafik: detoxi Health, KiQuNu-Studienbericht, Teil 1, August 2026, Seite 7. © detoxi Health GmbH.
Was bedeutet problematische Nutzung?
Für unseren Alltag lässt sich der Begriff so erklären: Die eigene Nutzung lässt sich schwer steuern und beeinträchtigt wichtige Lebensbereiche oder das Wohlbefinden. Ein Hinweis kann sein, wiederholt länger am Gerät zu bleiben als beabsichtigt oder Aufgaben und persönliche Kontakte dafür zurückzustellen.
Die Bildschirmzeit allein beantwortet diese Frage nicht. Entscheidend ist auch, wofür wir das Gerät verwenden und welche Folgen das hat. In der Studie bezieht sich die Einordnung konkret auf den genannten CIUS-Schwellenwert.
„Problematische Smartphone-Nutzung bei Erwachsenen ist ein stark unterschätztes gesellschaftliches Thema. Unsere Ergebnisse zeigen, dass enormer Handlungsbedarf besteht.“
Junge Erwachsene fallen besonders häufig auf
In der jüngsten untersuchten Altersgruppe erreicht mehr als die Hälfte den auffälligen Bereich. Mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil.
Anteil mit auffälligem Fragebogenwert (CIUS ab 28 Punkten):
18 bis 29 Jahre: 55 Prozent
30 bis 39 Jahre: 40 Prozent
40 bis 49 Jahre: 34 Prozent
50 bis 59 Jahre: 23 Prozent
60 bis 65 Jahre: 15 Prozent
Auch in Altersgruppen, in denen viele Menschen mitten im Berufs- und Familienalltag stehen, ist der Anteil also erheblich. Wie viele Eltern darunter sind und wie ihre Nutzung auf Kinder wirkt, lässt sich aus diesen Zahlen allerdings nicht ablesen.
Die jüngeren Altersgruppen erreichen häufiger den Schwellenwert. Die Prozentangaben beschreiben auffällige Fragebogenwerte. Originalgrafik: detoxi Health, KiQuNu-Studienbericht, Teil 1, August 2026, Seite 9. © detoxi Health GmbH.
Vier Stunden und 25 Minuten Bildschirmzeit
Zusätzlich zu den Fragebögen wurden Smartphone-Nutzungsdaten über zwei Wochen erfasst. Dafür kam eine Studien-App für Android zum Einsatz.
Der Bericht nennt für die tägliche Bildschirmzeit einen Median von 4 Stunden und 25 Minuten. Der Median ist der mittlere Wert einer der Größe nach sortierten Datenreihe. Er ist vom rechnerischen Durchschnitt zu unterscheiden. Besonders am Abend zeigte sich eine erhöhte Nutzung.
Der Wert macht sichtbar, wie viel Raum das Smartphone einnehmen kann.
Rund 128 Benachrichtigungen am Tag
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Die Studie erfasst auch, wie häufig sich das Smartphone bemerkbar macht. Das Diagramm weist einen Median von 128,5 Benachrichtigungen pro Tag aus. Dazu zählen Hinweise von Apps, die auf dem Gerät erscheinen, ohne dass wir die jeweilige Anwendung bewusst öffnen.
Für die Zeit zwischen 6 und 18 Uhr nennt der Bericht eine rechnerische Häufigkeit von etwa einer Benachrichtigung alle neun Minuten. Das bedeutet nicht, dass jede Mitteilung gelesen wird oder tatsächlich eine Tätigkeit unterbricht. Die Zahl macht aber sichtbar, wie viele Anlässe es im Alltag gibt, den Blick wieder auf das Display zu richten.
Auch die Tageszeit spielt eine Rolle. Die aufgezeichnete Bildschirmnutzung steigt am Abend noch einmal deutlich an. Die Studie zeigt damit neben der gesamten Nutzungsdauer auch, wann das Smartphone besonders viel Raum einnimmt.
Stress, Beschwerden und die Angst, etwas zu verpassen
Die Studie zeigt einen deutlichen Zusammenhang: Erwachsene mit höheren CIUS-Werten berichten auch von mehr Stress und stärkeren gesundheitlichen Beschwerden. Rund ein Fünftel der Befragten nimmt Auswirkungen auf Konzentration oder Gesundheit wahr, die sie mit ihrer Smartphone-Nutzung verbinden. Besonders häufig werden Nacken- und Rückenschmerzen sowie Konzentrationsschwierigkeiten genannt.
Darüber hinaus zeigen sich Zusammenhänge mit höheren Angst- und Depressionswerten sowie mit „Fear of Missing Out“, kurz FoMO. Gemeint ist die Angst, etwas zu verpassen. Wer höhere Werte für problematische Smartphone-Nutzung erreicht, berichtet tendenziell auch häufiger von solchen Belastungen. Der Bericht bezeichnet diese Zusammenhänge als mittelstark.
Dabei fallen nicht alle Ergebnisse gleich deutlich aus. Der Zusammenhang mit gesundheitlichen Beschwerden ist stärker als der mit Angst- und Depressionswerten. Mit dem allgemeinen Wohlbefinden und der positiven mentalen Gesundheit zeigen sich dagegen nur schwache negative Zusammenhänge. Die verschiedenen Aspekte unserer psychischen Verfassung hängen also unterschiedlich eng mit problematischer Nutzung zusammen.
Das sind Zusammenhänge und Selbstauskünfte. Daraus lässt sich nicht schließen, dass das Smartphone die Beschwerden verursacht hat. Ebenso ist denkbar, dass belastete Menschen häufiger zum Gerät greifen oder andere Einflüsse beides mitprägen. Die Ergebnisse geben damit Anlass, Smartphone-Nutzung und Wohlbefinden gemeinsam zu betrachten und diese Zusammenhänge weiter zu erforschen.
Was die Ergebnisse zeigen und wie es weitergeht
Die KiQuNu-Studie verbindet Fragebögen mit über zwei Wochen erfassten Smartphone-Nutzungsdaten. Sie liefert damit Einblicke in die digitalen Gewohnheiten Erwachsener. Die Befragungsdaten wurden nach Alter, Geschlecht und Bundesland gewichtet, um die Bevölkerungsstruktur der untersuchten Altersgruppe besser abzubilden.
Für die Einordnung ist wichtig, wer an der Untersuchung teilgenommen hat: Untersucht wurden Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren, die Studien-App war für Android verfügbar. Menschen mit besonderem Interesse am Thema oder eigenen Schwierigkeiten mit der Nutzung könnten häufiger teilgenommen haben. Die demografische Gewichtung gleicht Unterschiede in der Zusammensetzung der Stichprobe aus, kann eine solche Auswahlverzerrung aber nicht vollständig auffangen. Das begrenzt, wie genau sich die Prozentwerte auf die gesamte Bevölkerung übertragen lassen. Die Ergebnisse liefern dennoch wichtige Hinweise auf problematische Nutzung und ihre Zusammenhänge mit dem Wohlbefinden.
Mit dem ersten Bericht liegt nun eine Grundlage für weitere Untersuchungen vor. Ein weiteres Forschungsziel ist, problematische Nutzung anhand von Smartphone-Daten erkennen zu können. Darauf bezog sich auch die Frage nach einem möglichen Nutzungs-Score in unserem ersten Artikel. Der vorliegende Bericht enthält dazu noch keine abschließende Bewertung. Wie es damit weitergeht, fragen wir bei den Studienverantwortlichen nach.
Welche Veränderungen die Studienautoren fordern
Die Autoren sehen Handlungsbedarf bei Prävention und Plattformgestaltung. Unterstützungsangebote sollen sowohl einzelne Menschen erreichen als auch dort stattfinden, wo sie ihren Alltag verbringen, beispielsweise in Familien, Schulen und Betrieben.
Darüber hinaus fordern sie politische Maßnahmen gegen Gestaltungstechniken, die unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden. Konkret nennen sie ein Verbot sogenannter „Dark Patterns“, also manipulativer Gestaltungselemente. Mediensuchtprävention soll nach ihrer Forderung außerdem als eigenständiges Gesundheitsziel in der gesetzlichen Primärprävention verankert werden.
Das sind Schlussfolgerungen und Forderungen der Autoren. Welche konkreten Maßnahmen wie wirksam sind, wurde in dieser Untersuchung nicht geprüft. Sie erweitern aber die Diskussion um eine wichtige Perspektive: Neben unseren persönlichen Gewohnheiten verdienen auch die Bedingungen Aufmerksamkeit, unter denen digitale Nutzung stattfindet.
Was wir als Eltern daraus mitnehmen können
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Wir sprechen viel darüber, wann unsere Kinder ihr Handy weglegen sollen. Die Ergebnisse laden dazu ein, auch unsere eigenen Gewohnheiten anzuschauen. Wann unterbrechen wir ein Gespräch, weil eine Nachricht aufleuchtet? Wann wird aus einem kurzen Blick aufs Display eine längere Pause vom Familienalltag?
Ein gemeinsamer Versuch könnte sein, beim Essen alle Smartphones beiseitezulegen oder unnötige Benachrichtigungen auszuschalten. Anschließend lässt sich darüber sprechen, was leichter gefallen ist und was schwer. So werden Medienregeln zu etwas, das die ganze Familie gemeinsam gestaltet.
Für uns bei Medienzeit ist die Studie deshalb ein guter Gesprächsanlass. Sie richtet den Blick auf uns Erwachsene und auf die Frage, welchen Platz wir dem Smartphone in unserem Alltag geben möchten. Dabei dürfen wir genauso mitlernen wie unsere Kinder.
Transparenz und Quellen
Medienzeit hat auf die Studie aufmerksam gemacht und zur Teilnahme aufgerufen. Mit detoxi Health ist ein Unternehmen an der Forschung beteiligt, das selbst kostenpflichtige Präventionsangebote für problematische Smartphone-Nutzung anbietet. Die vorliegenden Ergebnisse sind kein Nachweis für die Wirksamkeit dieses Angebots.
Grundlage dieses Artikels ist der KiQuNu-Studienbericht, Teil 1: Deskriptive Analysen, August 2026, insbesondere die Seiten 3 bis 9, 11 bis 18 und 21. Weitere Informationen stehen auf der Projektseite.