Snapscore und Streaks: Wie Snapchat Kinder täglich in die App zieht

Snapchat hat eine Zahl, die Eltern wahrscheinlich kaum beachten, während sie für Kinder und Jugendliche durchaus wichtig werden kann. Der sogenannte Snapscore zeigt im Profil an, wie aktiv jemand auf Snapchat ist. Wer viele Snaps verschickt und empfängt, Storys veröffentlicht und die App intensiv nutzt, sammelt Punkte. Dazu kommen die bekannten Flammen, die sogenannten Streaks. Sie zeigen, wie viele Tage zwei Menschen bereits ohne Unterbrechung miteinander gesnappt haben.

Was zunächst wie eine harmlose Spielerei aussieht, ist ein interessantes Beispiel dafür, wie Plattformdesign unser Verhalten beeinflussen kann. Kommunikation bekommt Punkte, Freundschaften bekommen Zähler und wer eine lange Serie aufgebaut hat, hat plötzlich etwas zu verlieren.

Gerade für Eltern lohnt es sich, diese Funktionen zu kennen. Denn sie helfen zu verstehen, warum Kinder Snapchat manchmal immer wieder öffnen, obwohl eigentlich überhaupt nichts Neues passiert ist.

Jugendlicher sitzt abends bei seinen Schulaufgaben und schaut auf sein Smartphone. Das Bild steht für den sozialen Druck durch Snapchat-Streaks und die ständigen Unterbrechungen durch die App.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Was ist der Snapscore?

Jeder Snapchat-Account besitzt einen Snapscore. Die Zahl findet sich direkt im Profil und soll die Aktivität eines Accounts widerspiegeln.

Wie genau der Wert berechnet wird, verrät Snapchat nicht. Das Unternehmen spricht selbst von einer geheimen Formel. Bekannt ist allerdings, dass unter anderem die Anzahl der gesendeten und empfangenen Snaps sowie veröffentlichte Storys und weitere Faktoren in die Berechnung einfließen.

Der Snapscore kann deshalb schnell enorme Größenordnungen erreichen. Zehntausende oder Hunderttausende Punkte sind bei intensiver Nutzung keine ungewöhnlichen Werte.

Für Erwachsene hat diese Zahl zunächst keinerlei Bedeutung. Innerhalb einer Freundesgruppe kann das anders aussehen. Der Snapscore macht Aktivität sichtbar und vergleichbar. Man kann sehen, wer Snapchat intensiv nutzt und wie stark der eigene Wert steigt.

Damit bekommt alltägliche Kommunikation ein Punktesystem.


Wenn Kommunikation zum Spiel wird

Das Prinzip kennen wir aus Computerspielen. Punkte, Level und Fortschrittsanzeigen geben einer Tätigkeit ein zusätzliches Ziel.

Snapchat überträgt Teile dieses Prinzips auf soziale Kommunikation.

Ein Foto an einen Freund ist weiterhin ein Foto an einen Freund. Gleichzeitig wird die Nutzung der Plattform aber messbar. Der Zähler steigt und dokumentiert Aktivität.

Das kann einen zusätzlichen Anreiz schaffen, Snapchat regelmäßig zu benutzen. Besonders interessant wird dieser Mechanismus, wenn Kinder und Jugendliche ihre Werte miteinander vergleichen oder ein hoher Snapscore innerhalb einer Gruppe als Zeichen dafür wahrgenommen wird, besonders aktiv und gut vernetzt zu sein.

Ein hoher Snapscore sagt selbstverständlich nichts darüber aus, wie beliebt ein Kind tatsächlich ist oder wie gut seine Freundschaften sind. Trotzdem kann sich die Zahl sozial bedeutsam anfühlen.


Noch wichtiger sind die Flammen bei Snapchat

Noch unmittelbarer wirken die sogenannten Snapstreaks.

Wenn zwei Menschen an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen Snaps miteinander austauschen, erscheint neben dem Kontakt eine Flamme 🔥 und eine Zahl. Diese Zahl zeigt, wie viele Tage die Serie bereits besteht.

Aus zehn Tagen werden 50, später vielleicht 200 oder 500.

Mit jedem zusätzlichen Tag wächst etwas, das man verlieren kann.

Genau deshalb werden teilweise vollkommen belanglose Bilder verschickt. Die Zimmerdecke, der Fußboden oder ein schwarzes Bild reichen aus. Der Inhalt ist in diesem Moment zweitrangig. Entscheidend ist, dass der Streak nicht endet.

Damit verändert sich die ursprüngliche Funktion der Kommunikation. Ein Kind verschickt einen Snap möglicherweise nicht mehr, weil es seinem Freund etwas mitteilen möchte, sondern weil die Flamme weiterlaufen soll.


Warum 428 Tage plötzlich sehr wichtig werden können

Stellen wir uns zwei Jugendliche vor, die seit 428 Tagen einen gemeinsamen Streak haben.

Damit ein Streak zwischen zwei Personen weiterläuft, müssen sich beide jeden Tag mindestens einen Foto- oder Video-Snap schicken. Reine Chatnachrichten reichen dafür nicht aus. Die Zahl neben der Flamme zeigt, wie viele Tage die Serie bereits besteht. Kürzlich abgelaufene Streaks lassen sich unter bestimmten Voraussetzungen wiederherstellen. Trotzdem kann die Sorge, eine lange Serie zu verlieren, Druck erzeugen.

Die Serie endet. Objektiv passiert wenig. Eine Zahl verschwindet.

Subjektiv können sich 428 Tage gemeinsamer Aktivität aber nach etwas Wertvollem anfühlen. Man hat lange daran gearbeitet und möchte diesen Fortschritt nicht einfach verlieren.

Genau hier wirkt ein psychologischer Mechanismus, den Erwachsene aus vielen anderen Lebensbereichen kennen. Je mehr Zeit und Mühe wir bereits in etwas investiert haben, desto schwerer fällt es uns, es aufzugeben.

Für Kinder kommt eine zweite Ebene hinzu. Der Streak besteht mit einem anderen Menschen. Das Weiterführen kann deshalb als soziale Verpflichtung empfunden werden.


Wenn Freundschaft messbar wird

Das ist einer der Aspekte von Snapchat, über den wir mit Kindern sprechen sollten.

Eine Freundschaft hat eigentlich keinen Punktestand. Trotzdem versieht Snapchat soziale Beziehungen mit Zahlen und Symbolen.

Ein Streak von 500 Tagen kann sich dadurch wie ein Beleg für eine besonders enge Freundschaft anfühlen. Ein verlorener Streak kann entsprechend enttäuschen, obwohl sich an der tatsächlichen Freundschaft überhaupt nichts geändert hat.

Snapchat verbindet damit mehrere starke Motive miteinander. Kinder wollen mit Freunden in Kontakt sein, dazugehören und bestehende Beziehungen pflegen. Gleichzeitig können sie einen sichtbaren Fortschritt aufbauen, den sie anschließend nicht mehr verlieren möchten.

Das macht Streaks zu einem sehr wirkungsvollen Mechanismus für regelmäßige Nutzung.


Warum Kinder Snapchat immer wieder öffnen

Snapchat muss deshalb nicht permanent spektakuläre neue Inhalte liefern, um Kinder zurück in die App zu holen.

Manchmal reicht die soziale Erwartung, einen Snap beantworten zu müssen. Dazu kommen Streaks, Benachrichtigungen und die Sorge, etwas zu verpassen.

Jugendliche liegt abends in ihrem Zimmer auf dem Bett und schaut konzentriert auf ihr Smartphone. Das Bild steht für die regelmäßige Snapchat-Nutzung, Snapscore und Streaks.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die Nutzung verteilt sich dadurch häufig über den gesamten Tag. Snapchat wird morgens geöffnet, auf dem Schulweg, nachmittags, abends und möglicherweise noch einmal kurz vor dem Einschlafen.

Die einzelne Nutzung kann jeweils sehr kurz sein. Trotzdem bleibt die Plattform ständig präsent.

Genau deshalb erzählt die reine Bildschirmzeit nicht die ganze Geschichte. 45 Minuten Snapchat am Tag können aus wenigen längeren Gesprächen bestehen. Sie können sich aber auch aus Dutzenden kurzen Unterbrechungen zusammensetzen, bei denen das Smartphone immer wieder in die Hand genommen wird.

Für Eltern lohnt sich deshalb neben dem Blick auf die Bildschirmzeit eine zweite Frage: Wann und wie oft unterbricht Snapchat andere Tätigkeiten? Wird das Lernen immer wieder unterbrochen? Verschiebt sich die Schlafenszeit, weil noch ein Snap verschickt werden soll? Solche Situationen machen greifbarer, ob die Nutzung im Alltag zum Problem wird.


Der Snapscore ist nur ein Teil des Problems

Snapscore und Streaks sind allerdings nur zwei Mechanismen innerhalb einer Plattform, bei der Eltern genauer hinschauen sollten.

Wir beschäftigen uns bei Medienzeit schon lange intensiv mit Snapchat, weil hier verschiedene Risiken zusammenkommen. Auf unserer Snapchat-Themenseite sammeln wir deshalb unsere Artikel, Hintergründe und Hinweise für Eltern.

Dazu gehören auch Risiken, die erheblich schwerwiegender sind als ein Punktestand oder eine verlorene Flamme.

Fremde Kontakte und Cybergrooming

Snapchat wird intensiv zur privaten Kommunikation genutzt. Gleichzeitig können Kinder dort mit Menschen in Kontakt kommen, die sie außerhalb des Internets überhaupt nicht kennen.

Problematisch wird das, wenn Erwachsene gezielt Beziehungen zu Minderjährigen aufbauen. Beim Cybergrooming beginnen Kontakte häufig vollkommen harmlos. Täter zeigen Interesse, machen Komplimente, schaffen Vertrauen und verschieben anschließend schrittweise Grenzen.

Gerade die scheinbar private Kommunikation kann solche Prozesse begünstigen.

Wie systematisch diese Manipulation funktionieren kann, erklären wir ausführlich in unserem Artikel „Cybergroomer folgen einem Muster: Was 56.516 ausgewertete Chats über digitale Manipulation zeigen“.

Sexting, Nacktbilder und sexuelle Erpressung

Snapchat vermittelt durch verschwindende Bilder ein Gefühl von Flüchtigkeit. Ein Foto wird angesehen und verschwindet anschließend wieder.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass es wirklich weg ist.

Screenshots, Bildschirmaufnahmen oder ein zweites Smartphone reichen aus, um einen vermeintlich flüchtigen Inhalt dauerhaft zu speichern. Besonders problematisch wird das bei intimen Bildern.

Wir haben bei Medienzeit bereits einen realen Fall beschrieben, der zeigt, wie schnell Vertrauen aufgebaut und anschließend für sexuelle Grenzüberschreitungen ausgenutzt werden kann. Den ausführlichen Gastbeitrag findet ihr unter „Wenn Vertrauen ausgenutzt wird – wie sexuelle Übergriffe über Snapchat beginnen“.

Snap Map kann den Standort eines Kindes sichtbar machen

Eine weitere Funktion ist die Snap Map. Auf einer Karte können Nutzer sehen, wo sich ihre Kontakte befinden, sofern die entsprechende Standortfreigabe aktiviert wurde.

Für Jugendliche kann das praktisch wirken. Man sieht, welche Freunde gerade in der Nähe sind.

Gleichzeitig handelt es sich um sehr sensible Informationen. Schule, Zuhause, Freizeitorte und alltägliche Bewegungsmuster können dadurch sichtbar werden. Besonders problematisch wird das, wenn sich in der Kontaktliste Personen befinden, die das Kind nicht persönlich kennt.

Wie die Funktion arbeitet und welche Einstellungen Eltern überprüfen sollten, erklären wir ausführlich in unserem Artikel „Snap Map – Risiken für Kinder und wie Eltern sie schützen können“.

Problematische Inhalte, Filter und weitere Funktionen

Snapchat besteht längst nicht mehr ausschließlich aus privaten Snaps zwischen Freunden. Mit Bereichen wie Spotlight und Discover gibt es auch algorithmisch ausgespielte Inhalte. Hinzu kommen Kontaktvorschläge, öffentliche Inhalte, My AI, Filter und zahlreiche weitere Funktionen.

Besonders Schönheitsfilter verdienen Aufmerksamkeit. Wenn Gesichter automatisch schmaler, Haut glatter, Augen größer oder bestimmte Gesichtszüge verändert werden, kann sich langfristig auch die Wahrnehmung des eigenen Aussehens verändern.

Daneben bleiben Datenschutz, problematische Kontaktvorschläge, sexualisierte Inhalte und ungeeignete Empfehlungen wichtige Themen.

Wir haben die unterschiedlichen Risiken deshalb in unserem ausführlichen Überblick „Snapchat: Warum diese App für Kinder gefährlicher ist, als viele denken“ zusammengetragen.

Wer sich grundsätzlich einen Überblick über Snapchat verschaffen möchte, findet außerdem alle wichtigen Beiträge auf unserer Snapchat-Landingpage.


Eltern sollten sich den Snapscore zeigen lassen

Der Snapscore bietet einen erstaunlich guten Einstieg in ein Gespräch über Snapchat.

Fragt euer Kind einfach einmal, wo man den Snapscore findet und wie hoch der eigene Wert ist. Noch interessanter ist die Frage, ob die Werte innerhalb der Freundesgruppe verglichen werden.

Danach könnt ihr euch die Streaks zeigen lassen.

Wie lang ist der längste Streak? Mit wem besteht er? Wie wichtig ist die Flamme? Was würde passieren, wenn eine Serie nach 300 Tagen endet?

Die Antworten können viel darüber erzählen, welche Bedeutung Snapchat im Alltag eures Kindes tatsächlich hat.

Dabei geht es nicht darum, das Smartphone zu kontrollieren oder einen hohen Snapscore zum Problem zu erklären. Ein hoher Wert allein sagt wenig über eine problematische Nutzung aus. Interessant ist vielmehr, welchen Stellenwert die Zahl für das Kind hat und ob aus der Nutzung bereits Verpflichtungen entstanden sind.


Kinder sollten verstehen, warum solche Funktionen existieren

Medienkompetenz bedeutet auch, Plattformdesign zu verstehen.

Kinder können lernen, dass Funktionen wie Punkte, Streaks, Benachrichtigungen oder Belohnungen nicht einfach zufällig in Apps auftauchen. Sie können beeinflussen, wie häufig wir zurückkehren und wie schwer es uns fällt, eine App bewusst geschlossen zu lassen.

Das lässt sich am Snapscore wunderbar erklären.

Warum braucht eine Freundschaft Punkte? Warum muss Snapchat zählen, wie viele Tage zwei Menschen miteinander kommuniziert haben? Was würde sich verändern, wenn die Flamme einfach nicht existieren würde?

Solche Fragen machen Mechanismen sichtbar, die ansonsten im Hintergrund bleiben.


Aufklärung und klare Grenzen gehören zusammen

Wir halten wenig davon, die Verantwortung für einen gesunden Umgang mit solchen Mechanismen allein bei Kindern abzuladen.

Ein zwölf- oder dreizehnjähriges Kind (Snapchat ist laut Anbieter grundsätzlich erst ab 13 Jahren vorgesehen) kann verstehen, wie Streaks funktionieren. Trotzdem konkurriert es innerhalb der App mit Mechanismen, die sehr gezielt auf regelmäßige Nutzung, soziale Bindung und Wiederkehr ausgerichtet sind.

Deshalb brauchen Kinder Aufklärung und Begleitung ebenso wie klare Regeln und Schutzräume.

Dazu können smartphonefreie Zeiten am Abend gehören, ein Smartphone außerhalb des Schlafzimmers während der Nacht und klare Vereinbarungen darüber, wann das Gerät bewusst keine Rolle spielt.

Hilfreich kann auch eine gemeinsame Absprache mit Freunden sein: Niemand muss abends noch einen Snap schicken, nur damit eine Flamme erhalten bleibt. Überlegt mit eurem Kind, wie es eine Pause ankündigen könnte. Zum Beispiel: „Ich bin abends nicht mehr online. Wenn unsere Flamme ausgeht, ist zwischen uns trotzdem alles gut.“

Auch Schulen können solche Schutzräume schaffen. Wenn Kinder während des Unterrichts oder möglichst während des gesamten Schultages nicht permanent auf soziale Erwartungen aus Snapchat reagieren müssen, entsteht eine Pause von einer digitalen Dynamik, die ansonsten den ganzen Tag weiterläuft.


Eine Zahl, die viel über Snapchat erzählt

Der Snapscore wirkt zunächst vollkommen belanglos. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn genauer anzuschauen.

Er zeigt sehr anschaulich, wie aus Kommunikation ein messbarer Fortschritt werden kann. Die Streaks ergänzen diesen Mechanismus um tägliche Verpflichtung und die Sorge, etwas bereits Erreichtes wieder zu verlieren.

Wer verstehen möchte, warum Kinder Snapchat so regelmäßig öffnen, sollte deshalb nicht ausschließlich auf die Inhalte schauen. Ebenso wichtig ist die Frage, wie die Plattform selbst Nutzung fördert.

Und genau hier sind Snapscore und Streaks besonders gute Beispiele.


Wer Snapchat insgesamt besser verstehen möchte, findet auf unserer großen Snapchat-Seite für Eltern alle Artikel zu Risiken, Funktionen, Cybergrooming, Snap Map, Sexting, problematischen Inhalten und Schutzmöglichkeiten.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Weiter
Weiter

Smartphonefreie Schulen: „Warum haben wir das nicht früher gemacht?“