“Peek A Book” – Eltern verstecken Smartphones in Büchern. Ist das wirklich eine gute Idee?

Gastbeitrag von Alex Liefermann

„Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht, was unsere Kinder von Smartphones lernen. Sondern was sie von unserem Umgang damit lernen.“

Manche Produkte lösen kein Problem. Sie zeigen nur, wie groß es geworden ist. Genau so ein Produkt ist „Peek A Book“.

Von außen sieht es aus wie ein ganz normales Hardcover-Buch. Innen steckt ein Smartphone. Entwickelt wurde die Idee von der griechischen Gründerin Foula Papadopoulou nach der Geburt ihres Sohnes. Eltern sollen ihr Handy darin verstecken können, damit ihre Kinder nicht ständig das Smartphone in ihrer Hand sehen. In den sozialen Netzwerken wird das Produkt gefeiert. Hunderttausende Nutzer nennen es clever, brillant oder sogar revolutionär.

Die Botschaft hinter „Peek A Book“ lautet: Versteckt das Smartphone, damit Kinder es nicht sehen. Die wichtigere Botschaft müsste jedoch lauten: Legt das Smartphone weg, wenn ihr euren Kindern Aufmerksamkeit schenken wollt. Zwischen beidem liegt ein entscheidender Unterschied.

Zählmarke

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Es geht nicht um das Smartphone. Es geht um Aufmerksamkeit.

Die Begründung klingt zunächst nachvollziehbar. Kinder beobachten ihre Eltern und ahmen deren Verhalten nach. Wer ständig Erwachsene mit einem Smartphone in der Hand sieht, entwickelt selbst früh Interesse an Bildschirmen. Also verschwindet das Handy kurzerhand hinter einem Buchdeckel.

Doch genau hier beginnt für mich das Problem.

Kinder schauen nicht nur auf das Gerät. Sie schauen auf den Menschen dahinter. Ein Elternteil, das neben seinem Kind sitzt und durch TikTok scrollt, E-Mails beantwortet oder Nachrichten liest, ist häufig nicht wirklich präsent. Ob das Smartphone sichtbar ist oder in einem Buch versteckt wird, ändert daran nichts.

Babys und Kleinkinder lernen durch Blickkontakt, Reaktionen und Aufmerksamkeit. Sie brauchen Erwachsene, die ansprechbar sind. Wer körperlich anwesend, gedanklich aber woanders ist, sendet eine Botschaft, die kein Buchdeckel verdecken kann.


Gastautor Alex Liefermann

Ein Buch wird zur Tarnung

Besonders irritiert mich, dass ausgerechnet ein Buch als Tarnung dient.

Bücher stehen für Konzentration, Bildung und Aufmerksamkeit. Wer liest, gilt als präsent. Genau dieses Bild wird hier genutzt, um etwas anderes zu verbergen. Das Buch wird zur Kulisse.

Natürlich kenne ich die Realität vieler Familien. Als Vater weiß ich, wie schwierig es sein kann, Beruf, Haushalt, Termine und Kinder unter einen Hut zu bringen. Gerade in diesem Spagat ist das Smartphone oft Organisator, Kommunikationsmittel und manchmal auch eine kurze Flucht aus dem Alltag.

Ich kenne das selbst. Trotzdem überzeugt mich die Idee hinter „Peek A Book“ nicht. Sie löst das Problem nicht, sondern versteckt es.


Wir reden viel über Kinder. Aber was ist mit uns Erwachsenen?

Denn wenn wir ehrlich sind, geht es bei „Peek A Book“ gar nicht nur um Kinder. Es geht auch um uns Erwachsene.

Natürlich sind nicht alle Eltern so. Viele achten bewusst auf ihre Smartphone-Nutzung und legen das Handy beiseite, wenn sie Zeit mit ihren Kindern verbringen. Aber es gibt eben auch viele Mütter und Väter, die morgens mit dem Smartphone aufwachen, tagsüber immer wieder darauf schauen und abends damit einschlafen.

Vielleicht erklärt genau das, warum eine Buchattrappe zum Verstecken des Handys überhaupt als gute Idee wahrgenommen wird. Wir diskutieren ständig über die Bildschirmzeit unserer Kinder. Wir sorgen uns über TikTok, Instagram und YouTube. Gleichzeitig fällt es vielen Erwachsenen schwer, selbst einmal für längere Zeit auf ihr Smartphone zu verzichten.

Und genau deshalb beschäftigt mich dieses Produkt so sehr. Denn wenn Erwachsene bereit sind, Geld für eine Buchattrappe auszugeben, damit niemand sieht, wie oft sie auf ihr Handy schauen, dann stellt sich für mich eine unangenehme Frage.

Haben wir die Kontrolle über unsere Smartphones oder haben die Smartphones längst die Kontrolle über uns?


Was lernen unsere Kinder eigentlich von uns?

Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass Kinder Bildschirme zu früh entdecken. Vielleicht ist das Problem, dass sie von uns lernen, dass permanente Ablenkung normal geworden ist.

„Peek A Book“ verkauft eine Tarnung. Was wir brauchen, ist Ehrlichkeit.

Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen echte Eltern. Eltern, die auch Fehler machen, die manchmal aufs Handy schauen, die aber nicht so tun müssen, als würden sie lesen, während sie in Wahrheit scrollen.

Als Vater und Autor beschäftigt mich deshalb weniger das Produkt selbst als die Frage, was es über unseren Umgang mit Smartphones verrät. Für mich ist dieses Fake-Buch keine geniale Erfindung. Es ist ein Symbol unserer Zeit. Statt unsere digitale Abhängigkeit zu hinterfragen, suchen wir nach immer besseren Möglichkeiten, sie zu verstecken.

Und genau das sollte uns mehr Sorgen machen als jedes Smartphone, das ein Kind jemals in die Hand bekommt.

Wir müssen nicht anfangen, Smartphones vor Kindern zu verstecken. Wir sollten anfangen, unseren eigenen Umgang mit ihnen zu hinterfragen. Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht, was unsere Kinder von Smartphones lernen. Sondern was sie von unserem Umgang damit lernen.


Warum kein Produktlink?

Das Produkt haben wir bewusst nicht verlinkt. Haltung ist für uns wichtiger als ein Werbelink. Wir möchten keine Werbung für eine Idee machen, die wir für den falschen Weg halten. Aus unserer Sicht löst sie das eigentliche Problem nicht, sondern versteckt es lediglich. Entscheidend ist nicht, ob das Smartphone hinter einem Buchdeckel verschwindet, sondern ob Eltern ihren Kindern echte Aufmerksamkeit schenken. Genau darüber möchten wir mit diesem Beitrag ins Gespräch kommen.

Weiter
Weiter

„Bin ich gut genug?“ – Wie Likes über den Selbstwert entscheiden