„Bin ich gut genug?“ – Wie Likes über den Selbstwert entscheiden
Digitaltrainerin Nadja Herres
Gastbeitrag von Nadja Herres, digitaltraining.de
Hast du als Elternteil schon einmal selbst etwas auf Instagram, TikTok oder LinkedIn gepostet? Dann kennst du wahrscheinlich dieses Gefühl. Man schaut immer wieder nach, ob neue Likes oder Kommentare dazugekommen sind. Jede Reaktion kann kurzfristig Freude auslösen und der Griff zum Smartphone erfolgt fast automatisch, um „nur mal kurz nachzusehen“, was sich seit dem letzten Blick getan hat. Bleiben die erhofften Rückmeldungen aus, macht sich dagegen schnell Enttäuschung breit.
Wenn wir Erwachsene bereits spüren, wie Social Media unser Wohlbefinden, unsere Zufriedenheit und unseren Selbstwert beeinflussen kann, wie ergeht es dann erst Kindern und Jugendlichen? Sie verbringen häufig deutlich mehr Zeit auf den Plattformen als wir, teilen selbst Inhalte und befinden sich gleichzeitig mitten in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihres Selbstwertgefühls.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Warum Likes so wichtig werden
Die Frage „Wie viele Likes hat dein Beitrag?“ gehört für viele Kinder und Jugendliche längst ganz selbstverständlich zum Alltag. Der Deutsche Psychotherapeutentag beschreibt soziale Medien inzwischen ausdrücklich als festen Bestandteil der Lebensrealität junger Menschen.
👉 Wir haben berichtet: Psychotherapeuten fordern strengere Regeln für Social Media bei Kindern
Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat beeinflussen, wie junge Menschen sich selbst wahrnehmen und häufig auch, wie sie ihren eigenen Wert einschätzen. Gerade während der Pubertät, wenn Kinder herausfinden möchten, wer sie eigentlich sind, vergleichen sie sich nicht mehr nur mit ihrem Freundeskreis, sondern mit scheinbar perfekten Menschen aus aller Welt. Dadurch geraten manche auch mit problematischen Trends wie SkinnyTok oder Looksmaxxing in Berührung.
Jonathan Haidt beschreibt diesen Mechanismus in seinem Buch Generation Angst sehr eindrücklich. Mit einem Social-Media-Account überlassen wir Plattformen einen Teil der Kontrolle darüber, wie wir unsere Zeit verbringen und wie wir uns fühlen. Diese Systeme sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden.
Was Likes mit dem Selbstwert machen
Was passiert mit dem noch verletzlichen Selbstwert junger Menschen in einer digitalen Welt, in der scheinbar immer jemand schlanker, hübscher, reicher, mutiger, durchtrainierter oder erfolgreicher ist? In einer Welt, in der sozialer Vergleich niemals endet?
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Likes sind flüchtig. Sie hängen von Algorithmen, Trends und vielen Zufällen ab. Gleichzeitig zeigen soziale Netzwerke meist nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens, nämlich die schönen und erfolgreichen Momente. Unsicherheiten, Fehler und Ängste bleiben oft unsichtbar. Hinzu kommt, dass auf vielen Plattformen immer mehr KI-generierte Inhalte und künstlich erzeugte Profile auftauchen. Für Kinder und Jugendliche ist häufig kaum erkennbar, was echt ist und was nicht.
Likes aktivieren zudem das Belohnungssystem im Gehirn. Sie vermitteln kurzfristig das Gefühl, gesehen und anerkannt zu werden. Gerade in der Pubertät ist dieses Bedürfnis besonders stark ausgeprägt. Das gute Gefühl hält jedoch meist nur kurz an. Schnell entsteht ein Kreislauf aus Vergleichen, Anpassung und dem Wunsch nach immer mehr Bestätigung. Gleichzeitig lernen Kinder sehr schnell, welche Bilder und Inhalte besonders gut „performen“.
Kinder und Jugendliche, deren Selbstwert sich zu stark an äußerer Anerkennung orientiert, laufen Gefahr,
sich ständig mit anderen zu vergleichen,
sich selbst als nicht gut genug zu erleben,
ihr Verhalten an den Erwartungen anderer auszurichten,
Inhalte zu veröffentlichen, die sie eigentlich gar nicht teilen wollten,
größere Risiken einzugehen, um Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu erhalten.
Laut der JIM-Studie 2025 gehören Instagram, Snapchat und TikTok nach WhatsApp weiterhin zu den beliebtesten Anwendungen Jugendlicher. Soziale Medien nehmen damit einen festen Platz im Alltag vieler Heranwachsender ein.
Wenn ich als Digitaltrainerin in Schulen unterwegs bin, erzählen mir gerade ältere Mädchen immer wieder von verstörenden Kommentaren unter ihren Beiträgen. Dazu gehören beispielsweise Sugar-Daddy-Angebote oder vermeintliche Modelanfragen. Besonders bewegt hat mich die Aussage einer Schülerin, die sagte, sie poste grundsätzlich nichts auf Social Media, weil sie sich für hässlich halte. Das ist traurig und zeigt, wie eng Selbstwert und soziale Medien inzwischen miteinander verknüpft sein können.
Vier Möglichkeiten, Kinder zu stärken
Den Blick auf die eigenen Stärken lenken
Kinder brauchen Erfahrungen wie „Ich kann etwas.“, „Ich bin wichtig.“ und „Ich werde geliebt.“ Und zwar unabhängig von Likes oder Leistungen.
Ein schönes Familienritual kann sein, sich beim Abendessen gegenseitig zu erzählen,
was heute gut gelungen ist,
worauf man stolz ist,
welche Stärke man bei sich oder anderen wahrgenommen hat.
Echte Anerkennung richtet den Blick auf den Einsatz und nicht nur auf das Ergebnis. Aussagen wie „Ich habe gesehen, wie viel Mühe du dir gegeben hast.“ oder „Du warst heute richtig mutig.“ stärken langfristig den Selbstwert. Kinder lernen dadurch, dass ihr Wert nicht von einem Ergebnis oder von der Anerkennung anderer abhängt, sondern von ihren Eigenschaften, ihrem Einsatz und ihrer Entwicklung. Genau das beschreibt auch das sogenannte Growth Mindset.
Die Mechanismen der Plattformen gemeinsam hinterfragen
Wir Eltern können einen Unterschied machen, indem wir offen über soziale Medien sprechen und auch unsere eigenen Erfahrungen mit unseren Kindern teilen.
Frag dein Kind zum Beispiel:
Warum bekommen manche Beiträge besonders viele Likes?
Sagen Likes wirklich etwas über den Wert eines Menschen aus?
Glaubst du, dass die Person auf dem Bild wirklich genauso aussieht?
Würdest du dieses Foto oder diesen Text auch auf tausend Flyern drucken und in der Nachbarschaft verteilen?
Ein gemeinsamer Reality-Check hilft Kindern dabei, Filter, KI-generierte Inhalte und unrealistische Schönheitsideale besser einzuordnen. Wie sieht echte Haut aus? Kann ein Körper wirklich so aussehen? Was wurde wahrscheinlich bearbeitet? Solche Gespräche fördern einen kritischeren Blick auf das, was Kinder täglich auf ihren Bildschirmen sehen.
Für echte Erlebnisse sorgen
Gemeinsame Erfahrungen außerhalb der digitalen Welt stärken Selbstwert, Zugehörigkeit und Beziehungen oft nachhaltiger als jede Online-Bestätigung.
Das können gemeinsame Sporterlebnisse sein, Spieleabende, kreative Projekte oder auch ein gemeinsames Renovierungsprojekt zu Hause. Vielleicht geht ihr gemeinsam in den Kletterpark oder unternehmt eine Kanutour. Entscheidend ist, dass Kinder erleben, was sie gemeinsam schaffen können und dass Anerkennung nicht an einen Bildschirm gebunden ist.
Ebenso wichtig sind echte Freundschaften und soziale Kontakte außerhalb der digitalen Welt. Kinder brauchen Erlebnisse, bei denen sie sich angenommen fühlen, ohne dafür Likes sammeln zu müssen.
Gefühle ernst nehmen
Auch wenn wir unsere Kinder stärken und begleiten, verbringen sie einen großen Teil ihrer Freizeit online. Deshalb brauchen sie einen sicheren Raum, um über belastende Erfahrungen sprechen zu können.
Wenn ein Kind traurig ist, weil ein Beitrag wenig Aufmerksamkeit bekommen oder verletzende Kommentare erhalten hat, hilft ein „Ist doch nicht so schlimm.“ meist wenig.
Hilfreicher sind Sätze wie:
„Ich verstehe, dass dich das enttäuscht.“
„Magst du mir erzählen, was genau dich beschäftigt?“
Je besser es uns gelingt, die Perspektive unserer Kinder einzunehmen, desto leichter bleiben wir im Gespräch und können sie begleiten.
Aufklärung und Schutz gehören zusammen
Eltern können ihre Kinder stärken, begleiten und mit ihnen im Gespräch bleiben. Gleichzeitig verbringen Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Freizeit auf Plattformen, deren Geschäftsmodelle darauf ausgelegt sind, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden.
Deshalb braucht es beides. Eltern, die ihre Kinder begleiten, und wirksame Schutzmaßnahmen auf Seiten der Plattformen. Dazu gehören konsequent umgesetzte Altersgrenzen und ein besserer Schutz Minderjähriger vor problematischen Inhalten und manipulativen Designmechanismen.
Unsere Tochter wird im Herbst 13 Jahre alt. Nach Einschätzung der Bundesregierung wäre das grundsätzlich ein Alter, ab dem soziale Medien genutzt werden könnten. Als Mutter ist das für mich dennoch kaum vorstellbar. Gleichzeitig erlebe ich als Digitaltrainerin immer häufiger, dass selbst 15- und 16-Jährige sagen, sie hätten sich einen späteren Einstieg in soziale Medien gewünscht.
Vielleicht sollten wir ihnen genauer zuhören.