„Viele Eltern unterschätzen völlig, was auf den Smartphones ihrer Kinder passiert“

Foto: Jens Wenzel, Frank J. Bündgen
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In der aktuellen Folge des Podcasts „Tafel und Therapie“ spricht Digitaltrainer Frank J. Bündgen über genau diese Frage.

Gemeinsam mit Lehrer und Podcast-Host Jens Wenzel geht es um Klassenchats, TikTok, KI-Avatare, Nudify-Apps, Cyber-Grooming, Schlafmangel und die Frage, warum immer mehr Schulen versuchen, Smartphones wieder aus dem Alltag von Kindern zu verdrängen.

Wer heute mit Lehrkräften, Schulsozialarbeitern oder Medienpädagogen spricht, merkt schnell, dass sich Kindheit massiv verändert hat. Vieles davon passiert nicht mehr sichtbar auf dem Schulhof oder im Kinderzimmer, sondern auf Smartphones. Oft spät abends, oft unbeobachtet und oft in einer digitalen Welt, die Erwachsene kaum noch kennen oder verstehen.

Frank J. Bündgen aus dem Digitaltraining-Team von Daniel Wolff beschäftigt sich seit Jahren genau mit dieser Entwicklung. Nach eigenen Angaben war er bereits an über 400 Schulen im Einsatz und spricht dort mit Eltern, Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften über digitale Medien und ihre Folgen.

Foto: jenswenzel-photography.com

KI, Klassenchats und digitale Überforderung

Dabei geht es nicht darum, Technik grundsätzlich zu verteufeln. Im Gegenteil, Bündgen betont immer wieder, dass Kinder Begleitung brauchen und nicht bloß Kontrolle. Gleichzeitig macht er aber sehr deutlich, dass viele Erwachsene massiv unterschätzen, wie stark sich digitale Plattformen verändert haben und welchen Inhalten Kinder heute ausgesetzt sind.

Besonders problematisch sind inzwischen sogenannte Nudify-Apps. Dabei handelt es sich um KI-Anwendungen, mit denen Fotos von Jugendlichen manipuliert und künstlich sexualisiert werden können. Ebenso spricht er über KI-Avatare, mit denen Jugendliche teilweise stundenlang kommunizieren und emotionale Bindungen aufbauen.

Das klingt zunächst absurd oder weit entfernt. Tatsächlich tauchen solche Entwicklungen inzwischen aber immer häufiger in Schulen und Familien auf. Jugendliche nutzen KI längst nicht mehr nur für Hausaufgaben oder Bilderstellung. Manche nutzen sie als Gesprächspartner, als emotionale Unterstützung oder sogar als digitalen Freund.

Cyber-Grooming findet heute fast überall statt

Hinzu kommt ein weiteres Problem, das laut Bündgen oft unterschätzt wird. Cyber-Grooming findet längst nicht mehr nur auf klassischen Social-Media-Plattformen statt. Täter nutzen heute jede Umgebung, in der Kinder kommunizieren können. Messenger, Spiele, Sprachchats oder scheinbar harmlose Plattformen mit Chatfunktion gehören inzwischen ebenfalls dazu.

Gerade viele Eltern hätten laut Bündgen kaum einen realistischen Eindruck davon, wie schnell Kinder mit problematischen Inhalten konfrontiert werden. Das betreffe Gewaltvideos genauso wie sexualisierte Inhalte oder extreme politische Inhalte.

Besonders interessant ist dabei seine Beobachtung zu Algorithmen. Plattformen wie TikTok oder YouTube Shorts würden Inhalte nicht zufällig ausspielen. Wer lange online bleibt, bekomme häufig immer extremere Inhalte vorgeschlagen. Bündgen beschreibt einen eigenen Selbstversuch, bei dem er nach mehreren Stunden fast ausschließlich radikale politische Inhalte angezeigt bekam.


Viele Kinder schlafen mit dem Smartphone neben dem Bett

Foto: jenswenzel-photography.com

Auch das Thema Schlaf spielt in seiner Arbeit eine große Rolle. Viele Kinder und Jugendliche schlafen heute mit Smartphone oder Tablet direkt neben dem Bett. Manche verbringen noch spät nachts Zeit auf TikTok, in Chats oder Games. Lehrkräfte berichten deshalb immer häufiger von völlig erschöpften Schülerinnen und Schülern.

Bündgen erzählt von Jugendlichen, die montags kaum noch wach bleiben könnten, weil sie das gesamte Wochenende online gewesen seien.

Er beschreibt außerdem, wie stark sich Bildschirmmedien auf Schlafqualität und Erholung auswirken können. Gerade die dauerhafte Erreichbarkeit, nächtliche Benachrichtigungen und das endlose Scrollen würden dazu führen, dass Kinder und Jugendliche kaum noch echte Ruhephasen hätten.


Warum smartphonefreie Schulen plötzlich wieder lebendiger wirken

Gleichzeitig beschreibt Bündgen aber auch Entwicklungen, die Hoffnung machen.

Besonders auffällig seien die Veränderungen an smartphonefreien Schulen. Dort werde wieder mehr gespielt, geredet und gelacht. Lehrkräfte würden beobachten, dass Kinder aktiver miteinander seien und Konflikte teilweise zurückgingen. Ein Lehrer habe ihm sogar gesagt, man müsse auf dem Schulhof „wieder die Köpfe einziehen“, weil plötzlich wieder so viel Fußball gespielt werde.

Diese Beobachtungen decken sich mit Erfahrungen vieler Schulen, die ihre Smartphone-Regeln in den vergangenen Jahren verschärft haben. Denn das Problem ist längst nicht mehr nur Ablenkung im Unterricht. Es geht zunehmend um soziale Entwicklung, Aufmerksamkeit, Schlaf, Konflikte und psychische Belastungen.

👉 Link zum Beitrag “Smartphones weg” von Jens Wenzel, dem Podcast-Host


Kinder brauchen Begleitung statt Gleichgültigkeit

Trotz vieler kritischer Beobachtungen bleibt ein Gedanke bei Bündgen zentral. Kinder brauchen Erwachsene, die sich wirklich interessieren und sich aktiv mit ihrer digitalen Welt beschäftigen.

Er spricht immer wieder davon, Dinge gemeinsam zu machen. Spiele gemeinsam anschauen, Apps gemeinsam testen und mit Kindern über Inhalte sprechen. Eltern sollten nicht nur überwachen, sondern verstehen wollen, was Kinder online eigentlich erleben.

Das bedeutet auch, dass Eltern digitale Themen nicht einfach delegieren können. Weder an Schulen noch an Apps oder technische Schutzsysteme.

Viele Familien stehen dabei vor einem echten Dilemma. Smartphones gehören heute zum Alltag. Gruppendruck existiert. Kinder wollen dazugehören. Gleichzeitig merken immer mehr Eltern, dass die digitale Welt von heute kaum noch mit der Kindheit früherer Generationen vergleichbar ist.

Genau deshalb wird die Frage nach digitaler Begleitung immer wichtiger. Nicht erst mit 14 oder 15, sondern oft schon in der Grundschule.

Wer sich intensiver mit diesen Entwicklungen beschäftigen möchte, findet viele weitere Gedanken und Beispiele in der Podcastfolge „Kinder & Medien: Regeln, Tipps und Orientierung für Eltern“ von „Tafel und Therapie“ mit Jens Wenzel und Frank J. Bündgen.

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