„Alle haben eins“ – Wie Gruppendruck Eltern beim Smartphone unter Druck setzt
Foto: Jakob Kreiner
Gastbeitrag von Jakob Kreiner, Advocate for Child & Youth Protection Online
“Entscheidungen nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung.”
“Wenn Kinder dazugehören wollen und Eltern zwischen Schutz, Streit und gesellschaftlichem Druck stehen.”
“Wir sind nicht die Gegner unserer Kinder, auch wenn es sich für sie manchmal so anfühlen mag.”
Eltern erleben heute einen Konflikt, der vor einigen Jahren in dieser Form noch kaum vorstellbar war. Ihre Kinder wünschen sich immer früher ein eigenes Smartphone, Zugang zu sozialen Medien, Online-Games und digitalen Gruppen.
Nicht unbedingt, weil sie selbst schon genau wissen, was ihnen diese Angebote bringen. Häufig spielt etwas anderes eine große Rolle. Ihre Freunde nutzen sie.
Und Kinder wollen dazugehören.
„Alle anderen dürfen das.“
„Ich bin der Einzige ohne Handy.“
„Alle sind im Klassenchat, nur ich nicht.“
Sätze wie diese kennen Eltern wahrscheinlich gut. Sie treffen einen empfindlichen Punkt. Wir lieben unsere Kinder und möchten nicht, dass sie sich ausgeschlossen fühlen. Wir möchten, dass sie Freunde haben, dazugehören und glücklich sind.
Gleichzeitig wissen Eltern, dass ein eigenes Smartphone und vor allem der frühe Zugang zu sozialen Medien nicht automatisch gut für ein Kind sind.
Genau hier beginnt der eigentliche Konflikt.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Der Wunsch nach einem Smartphone ist häufig ein Wunsch nach Zugehörigkeit
Für Erwachsene ist ein Smartphone zunächst ein technisches Gerät. Für Kinder und Jugendliche kann es jedoch etwas ganz anderes bedeuten. Es kann zum Zugang zur Gruppe werden.
Wer nicht im Klassenchat ist, bekommt möglicherweise bestimmte Gespräche oder Informationen nicht mit. Wer eine bestimmte App nicht nutzen darf, kann bei manchen Unterhaltungen nicht mitreden. Wer kein Smartphone besitzt, hat schnell das Gefühl, anders zu sein als die anderen.
Aus einem technischen Gerät wird dadurch manchmal ein soziales Eintrittsticket.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Genau deshalb kann der Druck so groß werden. Kinder bitten, verhandeln und vergleichen sich mit ihren Freunden. Sie erzählen, was andere dürfen, und bringen Beispiele mit nach Hause, die aus ihrer Sicht kaum zu widerlegen sind.
Wenn Eltern trotzdem Nein sagen, können aus Bitten irgendwann Forderungen werden. Diskussionen entwickeln sich zu Streit, Enttäuschung zu Wut. Manche Kinder schmollen, ziehen sich zurück oder versuchen, Regeln immer wieder neu zu verhandeln.
Das bedeutet nicht, dass mit diesen Kindern etwas nicht stimmt. Dahinter steckt häufig ein sehr starkes menschliches Bedürfnis. Sie möchten dazugehören und nicht das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein oder etwas zu verpassen.
Dafür gibt es inzwischen sogar einen Begriff. FOMO steht für „Fear of Missing Out“, also die Angst, etwas zu verpassen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann diese Sorge sehr stark sein, wenn sie erleben, dass ein großer Teil des sozialen Lebens ihrer Freunde auch digital stattfindet.
Wenn der Familienfrieden zum Argument wird
Für Eltern können solche Auseinandersetzungen zermürbend werden. Über Wochen oder Monate tauchen dieselben Diskussionen auf und irgendwann stellt sich die Frage, wie lange man die eigene Entscheidung noch gegen diesen Druck verteidigen kann.
Vielleicht haben Eltern bewusst entschieden, dass ihr Kind noch kein eigenes Smartphone bekommen oder bestimmte soziale Netzwerke erst später nutzen soll. Nicht aus Technikfeindlichkeit und auch nicht, weil sie ihre Kinder von der modernen Welt fernhalten möchten. Sie sind schlicht der Überzeugung, dass Kinder in bestimmten Entwicklungsphasen noch Schutz und Begleitung brauchen.
Doch irgendwann entsteht ein Druck, der innerhalb einer einzelnen Familie kaum noch zu lösen ist. Wenn das eigene Kind immer wieder erzählt, dass alle anderen längst ein Smartphone besitzen oder in bestimmten Gruppen dabei sind, beginnen auch Eltern zu zweifeln.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Machen wir es unserem Kind unnötig schwer?
Übertreiben wir vielleicht?
Belastet unsere Entscheidung irgendwann die Beziehung zu unserem Kind?
Und was passiert, wenn es tatsächlich ausgeschlossen wird?
Eltern geraten damit in einen schwierigen Konflikt. Sie möchten ihr Kind schützen und gleichzeitig nicht der Grund dafür sein, dass es sich einsam oder ausgegrenzt fühlt.
Manchmal geben Eltern deshalb nach. Nicht, weil sie plötzlich überzeugt sind, dass ein Smartphone oder ein bestimmtes soziales Netzwerk jetzt die richtige Entscheidung ist. Sie sind einfach müde von den Diskussionen, sorgen sich um den Familienfrieden oder haben irgendwann das Gefühl, gegen eine Entwicklung anzukämpfen, die sie ohnehin nicht aufhalten können.
Doch eine Entscheidung, die vor allem aus Erschöpfung getroffen wird, muss deshalb noch lange nicht die richtige sein.
Der Druck entsteht nicht allein in der Familie
Der digitale Alltag ist längst auch Teil von Schule, Vereinen und Freundeskreisen. Dadurch wird es für Familien zusätzlich schwierig, ihre eigenen Entscheidungen unabhängig zu treffen.
Auch der Schulalltag kann diesen Druck verstärken. Informationen werden manchmal innerhalb von Klassen über Messenger-Gruppen weitergegeben, Schülerinnen und Schüler fotografieren Tafelbilder oder sprechen sich über Chats miteinander ab. Dabei handelt es sich nicht immer um offizielle Kommunikation der Schule. Für ein Kind ohne Smartphone kann trotzdem schnell der Eindruck entstehen, etwas zu verpassen.
Aus einer privaten Erziehungsentscheidung wird dadurch zunehmend eine gesellschaftliche Frage.
Hinter Diskussionen über Smartphones und soziale Medien stehen deshalb häufig echte Sorgen. Eltern haben Angst, dass ihr Sohn oder ihre Tochter Freunde verliert, wenn die Teilnahme an digitalen Gruppen nicht möglich ist. Sie sorgen sich darum, ob ein Nein die Beziehung zum eigenen Kind belastet.
Diese Sorgen sollten ernst genommen werden. Gleichzeitig dürfen sie nicht dazu führen, dass Familien praktisch gezwungen sind, ihre Entscheidungen danach auszurichten, was alle anderen tun.
Eltern brauchen Sicherheit in ihren Entscheidungen
Natürlich ist ein Smartphone nicht grundsätzlich schlecht. Digitale Medien gehören zu unserer Lebenswelt. Sie ermöglichen Kommunikation, Information und Unterhaltung und werden später selbstverständlich auch für Schule, Ausbildung und Beruf eine Rolle spielen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht einfach „Smartphone ja oder nein?“.
Entscheidend ist vielmehr, wann ein Kind welches Gerät bekommt, was es damit machen darf und wie Eltern diesen Weg begleiten.
Noch wichtiger ist aber eine andere Frage. Warum entsteht überhaupt ein solcher sozialer Druck, dass Kinder das Gefühl bekommen, ohne ein bestimmtes Gerät oder eine bestimmte App nicht mehr richtig zu ihrer Gruppe zu gehören?
Eltern müssen sich nicht dafür rechtfertigen, dass sie Grenzen setzen. Ein Nein bedeutet nicht, dass sie ihr Kind nicht verstehen oder ihm die Zukunft verbauen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Eltern haben die Aufgabe, Entscheidungen zu treffen, die Kinder aufgrund ihres Alters und ihrer Entwicklung noch nicht immer vollständig überblicken können.
Dabei muss es nicht darum gehen, digitale Medien komplett zu verbieten. Familien können schrittweise vorgehen, den Zugang altersgerecht gestalten, Nutzungszeiten vereinbaren, Smartphones nachts nicht im Kinderzimmer lassen und ihre Kinder bei den ersten Schritten in sozialen Netzwerken begleiten.
Vor allem sollten Eltern mit ihren Kindern über den eigentlichen Konflikt sprechen.
„Wir verstehen, dass du dazugehören möchtest. Aber deine Zugehörigkeit darf nicht davon abhängen, welches Gerät du besitzt.“
Gemeinsame Regeln können Familien entlasten
Das Problem lässt sich allerdings nur schwer lösen, wenn jede Familie für sich allein entscheiden muss.
Wenn mehrere Eltern eigentlich der Meinung sind, dass ihre Kinder noch kein Smartphone brauchen, aber nacheinander nachgeben, weil jeweils das eigene Kind nicht das letzte ohne Gerät sein soll, entsteht ein Kreislauf.
Deshalb können gemeinsame Absprachen innerhalb einer Klasse oder Elternschaft helfen. Gerade in der Grundschule kann es Familien enorm entlasten, wenn Eltern miteinander darüber sprechen, wie lange Kinder möglichst smartphonefrei bleiben können und welche Alternativen es für Erreichbarkeit und Kommunikation gibt.
Bei Medienzeit stellen wir dafür inzwischen auch kostenlose Vorlagen für Eltern und Schulen zur Verfügung. Sie können dabei helfen, gemeinsame Absprachen zu treffen und den Smartphone-Einstieg nicht allein von der Frage abhängig zu machen, was andere Familien bereits erlauben.
Auch Schulen können Verantwortung übernehmen. Wichtige Informationen und schulische Aufgaben sollten für Kinder unabhängig davon erreichbar sein, ob sie ein eigenes Smartphone besitzen. Klassenchats dürfen nicht zur Voraussetzung für schulische oder soziale Teilhabe werden.
Schulen können außerdem einen wichtigen Beitrag zur Medienbildung leisten. Dazu gehört mehr als die Vermittlung technischer Fähigkeiten. Kinder sollten auch lernen, wie Gruppendruck im digitalen Raum entsteht, wie soziale Medien Aufmerksamkeit und Vergleiche fördern und wie sie mit Cybermobbing, Influencern und problematischen Inhalten umgehen können.
Dass klare Regeln im Schulalltag funktionieren können, zeigen inzwischen auch Schulen, die diesen Weg bereits gegangen sind. Das Leibniz-Gymnasium in Potsdam berichtet bei Medienzeit ausführlich über seine Erfahrungen als handyfreie Schule.
Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel
Eltern, die ihrem Kind nicht schon in der Grundschule ein Smartphone geben möchten, dürfen nicht als übervorsichtig, rückständig oder weltfremd belächelt werden.
Diese Entscheidungen verdienen Respekt. Kinderschutz darf kein Wettbewerb zwischen Familien werden, bei dem am Ende diejenigen unter Druck geraten, die bewusst länger warten möchten.
Die Verantwortung darf deshalb nicht allein bei den Familien liegen. Eltern brauchen Aufklärung und Unterstützung, Kinder brauchen Medienbildung und Begleitung. Gleichzeitig brauchen wir gemeinsame Regeln und Schutzräume sowie einen besseren Schutz vor manipulativen Plattformmechanismen, übermäßiger Datensammlung, Cybermobbing und altersunangemessenen Inhalten.
Wie wichtig solche Schutzräume sein können, zeigt auch ein Smartphonefrei-Experiment an zwei Potsdamer Schulen, bei dem Schülerinnen und Schüler freiwillig drei Wochen auf ihr Smartphone verzichten.
Kinderrechte und Kinderschutz müssen stärker berücksichtigt werden als die wirtschaftlichen Interessen der Plattformen.
Kindheit ist keine Phase, die möglichst früh digitalisiert werden muss. Kinder müssen nicht jede Plattform kennen und jede App nutzen. Sie müssen nicht rund um die Uhr erreichbar sein. Und sie sollten vor allem nicht das Gefühl bekommen, dass sie ein Smartphone brauchen, um dazuzugehören.