Wenn Kinder zum Content werden
Warum der Bundestag jetzt über Sharenting und Kinderinfluencer diskutiert
Wenn Eltern Fotos oder Videos ihrer Kinder im Internet teilen, passiert das oft aus einem einfachen Grund. Stolz, Freude oder der Wunsch, schöne Momente mit Familie und Freunden zu teilen. Doch genau dieses Verhalten steht inzwischen auch politisch im Fokus.
Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Thema „Sharenting und Kinderinfluencer – Kommerzialisierung von Kindheit“ beschäftigt und dazu eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin wird deutlich, dass die Politik wachsende Risiken für Kinder sieht, wenn ihr Leben dauerhaft im Internet sichtbar wird.
Die zentrale Botschaft der Stellungnahme ist klar formuliert. Kinder sind keine Klicks. Sie haben ein Recht auf Privatsphäre und eine ungestörte Persönlichkeitsentwicklung auch im digitalen Raum.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Wenn Kindheit zur Bühne wird
In sozialen Netzwerken entstehen seit einigen Jahren immer mehr Accounts, in denen Kinder regelmäßig im Mittelpunkt stehen. Manche Familien dokumentieren den Alltag ihrer Kinder fast vollständig online. Andere verdienen sogar Geld mit Werbung, Kooperationen oder Produktempfehlungen.
Die Kinderkommission beschreibt dieses Phänomen als neue Form der Vermarktung von Kindheit. Kinder werden Teil digitaler Inszenierungen, obwohl sie selbst kaum entscheiden können, ob und wie ihr Leben im Internet sichtbar wird.
Besonders problematisch wird es dort, wo intime Situationen öffentlich gezeigt werden. Videos aus dem Kinderzimmer, Szenen beim Arztbesuch oder Momente, in denen Kinder weinen, krank sind oder emotional belastet wirken. Solche Inhalte können Millionen Menschen erreichen.
Damit werden eigentlich private Momente einer großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Auch pädokriminelle Netzwerke schauen zu
Ein Aspekt, der in der Stellungnahme besonders deutlich angesprochen wird, betrifft die Risiken durch fremde Beobachter im Internet.
Wenn Kinder regelmäßig in sozialen Netzwerken gezeigt werden, können diese Inhalte auch von Menschen gesehen werden, die gezielt nach solchen Bildern suchen. Gerade Fotos oder Videos leicht bekleideter Kinder können von pädokriminellen Netzwerken missbraucht werden.
Viele Eltern denken beim Posten solcher Inhalte nicht an diese Gefahr. Für Kinder kann sie jedoch reale Folgen haben.
Ein wachsender Markt
Gleichzeitig wächst der wirtschaftliche Druck hinter solchen Inhalten. Influencer Marketing ist inzwischen ein großer Markt. Allein in Deutschland wird das Volumen der Influencer Werbung für das Jahr 2025 auf rund 718 Millionen Euro geschätzt.
Je größer dieser Markt wird, desto stärker steigt auch der Anreiz, Kinder in Social Media Inhalte einzubeziehen. Gerade Familien Accounts erreichen häufig besonders hohe Reichweiten, weil viele Menschen den Alltag mit Kindern als authentisch und emotional wahrnehmen.
Doch genau hier beginnt ein Konflikt. Wenn Kinder regelmäßig Teil von Content Produktion werden, kann das sogar Formen von Kinderarbeit annehmen.
Kinder haben kaum Kontrolle über ihre digitale Identität
Ein weiteres Problem ist die fehlende Zustimmung der Kinder selbst.
Studien zeigen, dass Kinder schon sehr früh im Internet sichtbar werden. Bereits bis zum 13. Lebensjahr können durchschnittlich mehr als tausend Fotos eines Kindes online veröffentlicht sein.
Für Kinder bedeutet das, dass ein Teil ihrer digitalen Identität entsteht, ohne dass sie selbst darüber entscheiden konnten. Inhalte können gespeichert, kopiert und weiterverbreitet werden. Viele bleiben dauerhaft online.
Wenn diese Kinder älter werden, haben sie kaum Möglichkeiten, die Kontrolle über ihre eigene digitale Geschichte zurückzugewinnen.
Die Politik prüft neue Regeln
Die Kinderkommission fordert deshalb, den Schutz von Kindern im digitalen Raum deutlich zu verbessern. In ihrer Stellungnahme schlägt sie mehrere mögliche Maßnahmen vor, die nun politisch geprüft werden sollen.
Dazu gehören strengere Regeln für kommerzielle Accounts mit Kindern, ein Verbot von Darstellungen in besonders sensiblen Situationen sowie stärkere Rechte für Kinder, Inhalte später löschen zu lassen.
Auch Modelle, bei denen Kinder finanziell an Einnahmen beteiligt werden müssen, werden diskutiert.
Die Bundesregierung soll nun prüfen, welche rechtlichen Änderungen notwendig sind, um Kinder besser vor digitaler Ausbeutung zu schützen.
Eine Debatte, die gerade erst beginnt
Das Thema Sharenting zeigt, wie stark sich Familienleben durch soziale Medien verändert hat. Noch vor wenigen Jahren wurden Kinderfotos hauptsächlich im Familienalbum aufbewahrt. Heute können sie innerhalb weniger Sekunden weltweit sichtbar sein.
Die Stellungnahme der Kinderkommission macht deutlich, dass diese Entwicklung zunehmend kritisch betrachtet wird.
Für Eltern bedeutet das nicht, dass sie gar keine Fotos ihrer Kinder mehr teilen dürfen. Aber die Frage wird wichtiger: Welche Momente gehören wirklich ins Internet und welche sollten besser im privaten Familienalbum bleiben.
Kinder haben ein Recht darauf, ihre eigene digitale Identität später selbst zu gestalten. Und nicht alles, was niedlich aussieht, gehört automatisch ins Netz.
Quellen
Dieser Artikel bezieht sich auf die Stellungnahme der Kinderkommission des Deutschen Bundestages zum Thema „Sharenting und Kinderinfluencer – Kommerzialisierung von Kindheit“, verabschiedet am 25. Februar 2026. Die Stellungnahme beschreibt Risiken für Kinder durch die öffentliche Vermarktung ihres Lebens in sozialen Netzwerken und diskutiert mögliche politische Maßnahmen zum besseren Schutz von Persönlichkeitsrechten im digitalen Raum.
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